Attila Sirbik: St. Euphemia, Forum – Magvető, Novi Sad – Budapest 2015, 204 Seiten

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Als wir in den Wald abkommandiert wurden, hatten wir überhaupt keine Lebensmittel mehr, jemand hatte uns übrigens einen Wink gegeben, vermutlich war es so, denn eine halbe Stunde, nachdem wir die Kaserne verlassen hatten, wurde sie von mehreren Bomben getroffen, im Wald trafen wir dann auch andere Soldaten, mehrere Einheiten, es kann kein Zufall gewesen sein, dass jeder Kasernenkommandant so genau wusste, wann bombardiert würde, mehrere erzählten, kaum hätten sie den Schauplatz verlassen, fielen schon die Bomben, Menschenleben sind so gerettet worden,  doch das Leben von was für Menschen, später war an der Grenze zum Kosovo, als hätte man auf meinen Därmen Gitarre gespielt, auch jener Fotograf, komm, mach von mir ein Foto, nein, pack die Köpfe in die leere Munitionskiste und lass uns drumherum stehen, so ist es gut, wo ist das Vögelchen, Cheese, Blitz, grinsend und stolz lassen sie Fotos von sich mit dem abgeschnittenen Kopf des Feindes in der Hand machen, feindliche skipetarische Köpfe in leeren Munitionskisten, wer ist der Feind, wer ist mein Feind, wer ist ihr Feind, Schweine, Ratten und Wölfe umgeben mich, auch ich bin ein Schwein, ein unbeholfenes Tier, später habe ich auch in der Zeitung solche Bilder gesehen, auf dem einen Halbstarke, kaum volljährige Soldaten, so wie ich, in ihren Händen der Kopf irgendeines bosnischen Halbsoldaten aus Serbien, darunter die Bildunterschrift: der Sieger bekommt alles, wer ist der Sieger, Jenki, wir sind die Sieger, wir müssen uns selbst bezwingen, unser menschliches Wesen ist bezwungen worden, zu Tieren sind wir geworden, Jenki, da kannst auch keine Ausnahme sein, du kannst kein Mensch bleiben, was denkst du von dir, dass du unter Wölfen Mensch bleiben kannst, hier gibt es keine Zeit dafür, Mensch zu sein.

Doch bevor wir in den Wald abkommandiert wurden, waren uns, wie ich schon gesagt habe, die Lebensmittel ausgegangen, der Kasernenkommandant hatte eine kleinere Truppe zusammengestellt, hier ist diese Schlinge, und hier sind ein paar Betäubungsgewehre, du weißt, wie man mit der Schlinge umgehen muss, mit was für einer Schlinge, wozu diese Schlinge, wie soll ich mit der Schlinge umgehen, Hunde einfangen, ihr schleicht euch auf die Höfe, fangt Zähne fletschende Köter auf den ausgestorbenen Straßen ein, ihr stellt keine Fragen, antwortet nicht auf Fragen, denkt nicht nach, zu überleben ist das Ziel, es gibt nichts zu essen, es gibt keine Lebensmittel mehr, es gibt keine einzige Konserve mehr, wir könnten Nagetiere essen, aber das Fleisch der Mäuse, vor allem der Ratten kann giftig sein, das ist jetzt uninteressant, dass in gegebenem Fall auch das eine Chance bedeuten kann, am Leben zu bleiben, es gibt eine andere Lösung, die verlassenen Dörfer sind voll mit Hunden, wenn es natürlich ein richtiger Frühling wäre, ohne Bomben, ein richtiger Frühling, dann würde ich euch Ziesel und Hamster aus ihren Löchern gießen lassen, die ist es sehr einfach, mit einer Springfalle zu fangen, und ihr Geschmack ist himmlisch, köstlich, ähnlich wie Hähnchenfleisch, auch wie der des Eichhörnchens, wenn es Frühling wäre, ein richtiger, wenn in der Gegend ein Frühling ohne Bomben wäre, Jenki, dann würde ich dich losschicken, Igel zu fangen, hier in der Gegend, bei uns ist der Igel das am leichtesten zu erlegende Wild, er ist auf dem ganzen Landesgebiet zu finden, tagsüber schläft er in schmalen kleinen Gräben unter der Erdoberfläche und seinen Eingang tarnt er mit dichtem Laub, nachts ist er unterwegs, dann ist er leicht zu fangen, wenn du im Dunkeln die Wälder und Wiesen durchstreifst, hier und da zum Horchen stehen bleibst, verrät das Rascheln des Laubes den Igel bei Windstille sogar aus mehreren Hundert Metern Entfernung, sein Bewegungskreis ist recht eingeschränkt, selbst in der Kriegs-, in der Kampfzone würdest du nicht wenige finden, wenn keine Bomben fallen würden, von dem Schlachtlärm verlassen auch die Rehe, Hirsche, Hasen ihren früheren Lebensraum, aber die Bomben fallen, Jenki, jetzt musst du Zähne fletschende Hunde jagen, Betäubungsgewehr und Schlinge, mit der Schlinge musst du die fletschenden Hunde einfangen, du hängst ihnen die Schlinge um den Hals, ziehst sie zu, dann steckst du sie in den Käfig.

Der Abdecker schleppt die erschlagenen Hunde so, was für Hunde schleppt der Abdecker, solche, die keine Zähne mehr fletschen, bei denen man keine Angst haben muss, dass sie zurückbeißen, ich erinnere mich gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal in der Waagerechten war, so, dass ich mir diese auf einen Haufen zusammengetragenen Hunde mit den herausgestreckten Zungen ansehe, kann ich keine Hunde mehr einfangen, lieber würde auch ich mit hängender Zunge daliegen, los komm, Jenki, komm, du kannst es nicht zulassen, dass deinen Willen Ohnmacht überkommt, das Bett ist jetzt waagerecht wie das Grab, fürchterlich sind diese Hunde, die Hunde springen da draußen herum, schnaufen, fletschen die Zähne, wenn wir in die Gärten huschen, es gibt auch solche, die meinen, ein Gast sei gekommen, es gibt solche, die dich in ihrer Freude beinahe auf den Boden ziehen, und ich dulde es feige und voll Abscheu, fürchterlich sind diese Hunde, auch vor ihrer Freundschaft ekelt mir, wenn sie wüssten, warum wir gekommen sind, wenn sie wüssten, was sie erwartet, und wenn sie nur ahnten, was ich fühle, dann würden sie mich nicht so empfangen, ich ekele mich vor ihnen, aber ich habe auch Angst, ich lüge, was sonst könnte ich tun, ich weiß nicht einmal ihren Namen, nur dass die, die auf den Höfen sind, allesamt einen Namen haben, freundlich nähere ich mich allen auf den Höfen und den Straßen, wenn es sein muss, benutze ich das Betäubungsgewehr, denjenigen, an die ich mich auch ohne Gewehr heranschleichen kann, klopfe ich am ganzen Leib zitternd den Rücken, bevor ich ihnen die Schlinge um den Hals hänge, ich bin traurig, traurig davon, dass mir einfällt, wie blind und eitel die Liebe sein kann, im Wald pocht mein Herz auch am nächsten Tag, am übernächsten Tag laut wie bei einem bösen Abenteuer, wenn ich an die Hunde denke, auch in meinen Träumen erscheinen sie mir in der letzten Zeit, und ich verstehe nicht, was sie von mir wollen, ich verstehe es nicht, aber ich muss sie auch im Traum hereinlegen, doch sie drängeln sich nur, nähern sich, immer mehr, in meinem Traum bin ich plötzlich in China, eine allgemeine Regel, man muss sich vergewissern, ob sich im Fleisch des Tieres Parasiten befinden, man muss das Fleisch gründlich braten, kranke Tiere darf man nicht essen, egal wie hungrig man auch ist, du bist kein Mensch mehr, Jenki, wie siehst du denn aus, du bist dünn geworden, ich sehe aus wie ein fortgejagter Köter, wie ein ausgehungerter Hund, man darf kein verdorbenes Fleisch essen, woher soll ich wissen, wann das Fleisch verdorben ist, außer der äußeren Verdorbenheit kann auch die Verfärbung der Leber auf eine Krankheit hinweisen, die Leber des Tieres ist es, egal welche Farbe sie hat, nur dann empfehlenswert zu essen, wenn schon keine andere Möglichkeit zur Versorgung mit Nahrung gegeben ist. Ein schwarzer Hund sieht mich an, er nimmt seine Augen nicht von mir, ein kleiner schwarzer Hund, ein verfluchter Hund, wie er mich ansieht, als hätte er mich liebgewonnen, doch plötzlich zuckt er zusammen und erstarrt. […]

 

                                                                     Aus dem Ungarischen von Eva Zador