László Szilasi

Die dritte Brücke

(Private Aufzeichnungen zum Tod von Péter Foghorn)

Eine Rezension von Karlheinz Schweitzer

Péter Foghorn fehlt beim Klassentreffen. Man ergeht sich in Mutmaßungen über sein Schicksal. Dem aus Deutschland nach Ungarn zurückgekehrten Ermittler Sugár, den wir zum Klassentreffen begleiten, erzählt Mitschüler Nosztávszky schließlich, im Laufe einer Nacht, "wie es wirklich war". Er beginnt mit seiner Lebensgeschichte, seinem Leben in Kanada, Ehe, Scheidung und Heimkehr nach Ungarn. In Budapest haut er sein Geld auf den Kopf, und weil er nicht als Verlierer bei seinen Eltern auftauchen will, fährt er nach Szeged. Dort stößt er auf Péter Foghorn, der sein Leben als Straßenmusiker fristet und eine Gruppe von Obdachlosen anführt. Foghorn erkennt den Neuling und nimmt ihn unter seine Fittiche. Die Erzählung führt uns nun in die Welt der Obdachlosen, die auf den öffentlichen Plätzen der Stadt, unter den Brücken über die Theiß und den Wäldern an der Peripherie leben.

László Szilasi, der 1964 in Békéscsaba geboren wurde und an der Universität Szeged ungarische Literaturgeschichte lehrt, hat die Lebensumstände der Obdachlosen in Szeged gründlich recherchiert. Die soziografischen Details, die wir aus Nosztávszkys Erzählung erfahren, führen jedoch nicht zu einer Theorie, es gibt weder Gejammer, noch Anklagen, politische Forderungen oder Konklusionen. Es wird berichtet wie über unausweichliche Naturereignisse und das eigentliche Politikum muss der Leser selbst erschließen. Obdachlosigkeit ist die Endstation der Ausgestoßenen, von Menschen, deren Arbeitskraft das System nicht mehr braucht, oder von solchen, die aus eigenem Entschluss nicht mitspielen, nicht funktionieren wollen. Dort werden sie zugrunde gehen, unter den Brücken, in den Wäldern, auf den öffentlichen Plätzen. Wir erfahren, wie die Ausgegrenzten ihr Leben organisieren, lernen ihre Wege kennen, ihre Strategien und kleinen Tricks. Ausgebrannte Malteserengel, desillusionierte Polizisten und Beamte kennen die Probleme, niemand weiß eine Lösung. Manche Obdachlose wollen gar kein anderes Leben, träumen nicht einmal davon. Einer aus der Gruppe verschwindet plötzlich und Nosztávszky hegt den Verdacht, er könne den Ausstieg geschafft haben. Der Bürgermeister eines aussterbenden Dorfes bietet Häuser für wenig Geld. Dort wollte der Verschwundene ein neues Leben aufbauen. Nosztávszkys Anwesenheit beim Klassentreffen bezeugt, dass auch für ihn das Leben auf der Straße nur ein Intermezzo war.

Immer wieder ist auch von den alten Zeiten, der Schulzeit und was aus den Klassenkameraden geworden ist, die Rede. Erinnerungen, Jugendträume, Liebschaften werden durchgehechelt, aber den Hauptstrang des Romans bildet die Erzählung Nosztávszkys über seine Zeit unter den Brücken von Szeged.

Dort geschieht ein Mord. Völlig unerwartet. Im Milieu der Obdachlosen. In einem knappen Satz erfahren wir, wie Foghorns Geliebte getötet wird. Und wir kennen auch den Mörder. Über die Umstände des zweiten Mordes wird ausführlicher berichtet, und wir glauben im Bilde zu sein, aber im letzten Kapitel äußert sich der Ermittler zu den Vorkommnissen und wirft ein anderes Licht auf sie. Allerdings stehen die beiden Morde nicht im Mittelpunkt des Romans, sie sind eine Klammer, welche die Narration zusammenhalten soll, denn wir haben es nicht mit dem klassischen Kriminalroman zu tun, mit einer Leiche am Anfang und des Rätsels Lösung am Ende. Es geht auch nicht um Recht und Gerechtigkeit. Der Autor hält der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt ihr, "ihr eigenes Antlitz reiner, als sie es sonst zu erblicken vermöchte“, wie Kracauer über den Detektivroman schreibt.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador 

ISBN 978-3-9503906-1-2

380 Seiten  

€ 22