Gábor Gyukics

Die Clique

Soziohorror

Eine Buchvorstellung von Karlheinz Schweitzer

 

Der erste Prosaband von Gábor Gyukics (*1958 Budapest), der sich bisher einen Namen als Poet und Übersetzer gemacht hat, führt uns in das Ungarn der 1970er Jahre, in eine subkulturelle Szene, die sich regelmäßig in der Innenstadt am Pester Donaukai traf.

Unter der Parole „Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns" wollte die kommunistische Partei die Verhältnisse nach dem Aufstand von 1956 und dem Ende des Stalinismus konsolidieren. Das Regime versuchte, sich ein "menschliches Antlitz" zu verpassen. Es gelang den Wohlstand ein wenig zu steigern und man gewährte kleine Freiheiten. Dieses Herrschaftsmodell etikettierte angeblich der Stalinnachfolger Chruschtschow als Gulaschkommunismus. Das Gedenken an die bürgerliche Märzrevolution von 1848 wurde vom Staat vereinnahmt und mit einem offiziellen Festakt am Nationalmuseum begangen, denn dort hatte 1848 die Märzrevolution mit Massenprotesten begonnen. An diesem Tag ist es üblich, eine Kokarde in den ungarischen Nationalfarben über dem Herzen zu tragen. Man versammelt sich am Museum und marschiert dann zum Denkmal des Dichters Petőfi, der einer der führenden Köpfe war. Der Erzähler, der 15-jährige Gy. Kis weiß, dass man, wie im Vorjahr, Randale erwartet, und macht sich am 15. März 1973 auf den Weg zur Feier. Bei seinem Versuch sich zum Denkmal durchzudrängen, entgeht er nur knapp der Verhaftung. Aber auf dem Nachhauseweg klettert er an einem Hauseingang hoch und reißt eine Sowjetfahne herunter. Die Nacht verbringt er im Polizeigewahrsam und am nächsten Tag wird er in die Clique aufgenommen.

Die Randale wurde von oppositionellen Aktivisten angezettelt, von den Machthabern heruntergespielt, man sprach von "bezahlten Provokateuren", die westlichen Radiosender feierten "freiheitsliebende Demokraten". Die Clique sympathisiert mit der Opposition, hat Lust auf Randale, betätigt sich jedoch nicht konspirativ. Sie lungert in der Öffentlichkeit herum, redet über Gott und die Welt, besucht Jazz- und Rockkonzerte und lehnt das System ab. Allein ihr Aussehen und Auftreten schockiert und provoziert die Bürger. Die Mitglieder der Clique legen sich mit den Ordnungshütern an, sie nehmen Drogen, leben ihre Sexualität hemmungslos aus und schlagen sich zum Teil als Schmarotzer und Kleinkriminelle durchs Leben. Gyukics berichtet über die Zeit, in der er zu der Gruppe stieß, und zeichnet die Lebenswege von 42 Kumpanen nach, so weit seine Informationen reichen. Es entsteht das Bild einer bisher kaum beschriebenen Subkultur, die natürlich Berührungspunkte mit den Bewegungen in den USA oder Frankreich hatte, aber nie diese Stärke erreichte und letztlich auch nicht darauf abzielte. Die ungarischen Hippies stellten alles infrage, hatten weder Illusionen noch Antworten. Sie verbrachten ihr Leben auf der Suche, in permanenter Unzufriedenheit und sie lehnten die gesellschaftlichen Normen ab. Nicht bereit ein "normales Leben" zu führen, zahlten manche einen hohen Preis.

Sie rüttelten an den Fesseln und Gittern, aber nicht an den Grundpfeilern. Die Realität wurde sicher als Horror empfunden, denn auch im Gulaschkommunismus gab es noch Armut, die Produktion lief nicht mehr ohne Kredite aus dem Westen. Um diese Probleme schert sich aber die Generation der 15-Jährigen nicht. Für sie sind Sex, Drogen und Musik wichtiger.

Soziohorror nennt der Autor das Werk im Untertitel und meint das als Genrebezeichnung, denn es oszilliert in einem Zwischenraum, ist weder ein klassischer Roman noch eine Soziografie. Neben dem Bericht des Ich-Erzählers hören wir noch weitere Stimmen mit ihren Reflexionen. Es wird nicht klar, ob es sich um Briefe handelt, Tagebuchausschnitte oder eine Materialsammlung. Diese Bruchstücke erwecken den Eindruck, Dokumente zu sein. Mit den Fotos, wohl aus dem Besitz des Autors, fügen sie sich zu einer Collage. Nicht nur in der ungewöhnlichen Form der Narration knüpft der Autor an die 70er an, er trifft auch den Tonfall der Hippiezeit und dieser Subkultur.

 

Gyukics Gábor: A Kisfa galeri / L'Harmattan, Budapest