Gábor Gyukics

Die Clique

Soziohorror

Csaba C. hatte mir nach dem Fußballspiel in der Kneipe gesagt: "He, Gy. Kis, wir machen am 15. März mit den Studenten und irgendwelchen demokratischen Intellektuellen Randale". Ich sollte mit ihnen zum Nationalmuseum kommen. Da ging ich dann auch hin. Ich war so revolutionär drauf, dass ich mir gleich zwei Kokarden ans Cordjackett gesteckt hatte.
Grüne Minnas, jede Menge, unmöglich da durchzukommen. Als ich es doch endlich geschafft hatte, musste ich rennen, um Csaba C. und fünf, sechs andere Typen, die mit Volldampf zum Petőfi-Denkmal drängten, einzuholen. Na, und da mischten wir sofort mit. Das erfuhr natürlich keiner, weil am nächsten Tag kaum was in der Zeitung stand, eigentlich gar nichts. Die Aktion von 1972 hatte man auch totgeschwiegen. Damals war ein späterer Bekannter von mir eingebuchtet worden, weil er Gedichte von Petőfi verteilt hatte. 1973 konnten sie es nicht im Keim ersticken, da wurde massiv "Nieder mit den Kommunisten" gebrüllt. "Nieder mit den Bullen! Nieder mit den Russkis! Russki go home!" Die Bullen waren mit einem Großaufgebot da, in der Menschenmenge wimmelte es vor Zivilbullen. Einer packte mich am Kragen und brüllte: "Troll dich nach Hause!"Ein 
Pimpf wie ich hätte da nichts zu suchen. Ich konnte mich losreißen und rannte am Ufer entlang. Da sah ich eine Sowjetflagge über einem Hauseingang. Ich kletterte die Hauswand hoch, flink wie ein Kokospflücker auf die Palme. In den Offiziersstiefeln meines Vaters, in die ich mich zur Feier des Tages gezwängt hatte. Die Flagge warf ich auf den Boden. Dort trampelte ein Typ auf ihr rum, dann wurde sie zerfetzt. Dabei überraschten uns die Bullen in einer Grünen Minna, die plötzlich auftauchte. Wir schafften es nicht zu entkommen. Wie Säcke warfen sie uns in den Transporter. Sie hielten noch ein paar Mal an, und obwohl man kaum noch Luft bekam und sich nicht mehr an den Eiern kratzen konnte, stopften sie immer mehr Randalierer in den Wagen. Wie die Bäuerin eine Gans nudelt.
Am nächsten Morgen gaben sie mir den Ausweis zurück und ließen mich laufen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob sie Fotos von uns gemacht hatten wie in Amerika. Gute Ratschläge gab´s dann auch noch. Dass sie mir den Arsch aufreißen, wenn ich noch mal ... Aber darum geht es nicht, das erwähne ich nur, weil es für mich wichtig ist.
Jedenfalls bin ich an dem Abend zum ersten Mal zum Treffpunkt am Kleinen Baum gegangen. Das war diese Zeit, Anfang der 70er Jahre, als Syrius und Mini, und auch die Gruppe Rákfogók, die Krebsfänger, ein paar Jugendlichen viel bedeuteten. Und das wollten die Kommunisten, diese Arschlöcher, die davon überhaupt keine Ahnung hatten, diese Lutscher, die sich nur an ihre Pöstchen klammerten, ihnen wegnehmen. Der Aufruhr 1973 war die Fortsetzung vom Vorjahr. Damals hatte man viele Studenten, junge Künstler und Intellektuelle an den Pranger gestellt und ihre Zukunft zerstört. Die Clique vom Kleinen Baum trat in ihre Fußstapfen. Später schlugen sie aber andere Wege ein.

(...)

Typen mit langen Haaren, in Röhrenhosen und Lederklamotten, ein paar Mädchen, auch die waren ungewöhnlich gekleidet, lungerten an einem Bäumchen an der Elisabethenbrücke, auf der Pester Seite, herum. Andere trieben sich am Bauloch herum oder hockten auf den Steinstufen des Donaukais. Einer von ihnen sah aus, als wäre er kahl geschoren. War er aber nicht. Er hatte einen Pferdeschwanz wie die Janitscharen. Der Kerl war berühmt-berüchtigt, wie ich später erfuhr. In seinem Pass hatte er Ausweisungsstempel aus neun Ländern, und er konnte auf neun Sprachen betteln. Manche Typen hatten so viele Ringe an ihren Händen, dass man die Finger fast nicht mehr sah. Jugendliche, wie ich, vielleicht ein wenig älter, trafen sich hier Tag für Tag, um über Gott und die Welt zu reden. Csaba C. war noch nicht da. Ein Typ namens Anonymus wurde mit großem Hallo begrüßt. Anonymus beschaffte sich im Schnitt einmal pro Woche neue Klamotten. Es widersprach seinem Stil eine Hose, ein Hemd und einen Sakko länger als eine Woche zu tragen. Unterwäsche trug er überhaupt nicht. Das stellte sich heraus, als ich bei einer seiner Klamottenbeschaffungsaktionen dabei war. Er war schon recht verlottert und musterte eingehend Männer seiner Statur. Dann spazierte er am helllichten Tag, so wie selbstverständlich, auf einen von ihnen zu und befahl ihm, sich ausziehen. Der Betreffende versuchte sich zu wehren, aber Anonymus stieß nur ein paar Drohungen aus und schon hatte er eine neue Garnitur Klamotten. Die zog er an Ort und Stelle an, die alten ließ er dem Opfer da, das auf dem Boden lag, erstaunt die Verwandlung und Anonymus´ nackten Hintern betrachtete. Bevor ich zu der Gruppe stieß, hatte sich so was in der Art abgespielt. Endlich kam Csaba C.  Er wurde von den meisten freudig begrüßt, ein paar gaben sich gleichgültig. Als er mich bemerkt hatte, stellte er mich ohne großes Tamtam der Versammlung vor. „Das hier ist Gy. Kis. Der ist in Ordnung. Den haben die Mistkerle gestern auch einkassiert.“
An dem Tag passierte eigentlich nichts, ich weiß nicht mal mehr, was für ein Wochentag das war, aber ich weiß noch, dass ich am Abend nicht lange ausbleiben wollte, weil der Vater ziemlich sauer gewesen war, als ich im Morgengrauen aufgetaucht war. Er hatte keine Ahnung, wo ich die Nacht verbracht hatte, und ich hoffte, er würde es nie erfahren. Ich trollte mich nach Hause.

 

Aus dem Ungarischen von Karlheinz Schweitzer