Das Geschäft mit den Flecken

Eine Rezension von Maximilian Murmann

Beißender Geruch, ohrenbetäubender Lärm - triste Realität in der Budapester Großwäscherei Phönix. Das bunte Treiben der Donau-Metropole muss draußen bleiben. In seinem 1931 veröffentlichten Roman „Die Großwäscherei“ zeichnet Andor Endre Gelléri (1906-1945) nach, wie Menschen zugrunde gehen, wenn Arbeit und Geld(not) über ihr Leben bestimmen. Mittelpunkt der Geschichte ist Jenő Taube. Dem Inhaber der Großwäscherei bereitet es sichtlich Vergnügen, hofiert zu werden, von seinen Angestellten wie von seiner Frau. Doch plötzlich kommen in Taube quälende Gedanken zum Vorschein, derentwegen er in Wahnvorstellungen verfällt. Jeder Fleck, jedes Staubkorn raubt ihm die Nerven. Während Taube versucht, dem Schmutz Herr zu werden, lenkt der vom Färber zum Betriebsleiter aufgestiegene Novak die Geschicke der Wäscherei. Skrupel sind dem Emporkömmling fremd; wenn jemand unter die Räder gerät, wie etwa sein alter Kollege Angelov, hilft Novak bereitwillig nach. Mit weitreichenden Folgen. Einzig Tir, Heizer im Phönix, hat den Glauben an ein besseres Leben noch nicht aufgegeben. Ihn zieht es zu revolutionären Zellen in China. Ein Land, dessen Wohlstand, wie wir heute wissen, auf Kosten der einfachen Leute erwirtschaftet wurde. Ironie der Geschichte.

Die Wege der vier Männer kreuzen sich in dem episodenhaften Roman auf tragische und unerwartete Weise. Ihre sehr persönliche Darstellung ist ein Beleg für Gelléris scharfen Blick. Nur allzu vertraut war ihm die Welt, die er in seinem Roman verewigt hat. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, schuftete Gelléri in jungen Jahren selbst als Färber bei einer Dampfwäscherei, wie Timea Tankó im Nachwort berichtet. Ihre schwungvolle Übersetzung macht die deutsche Neuausgabe der „Großwäscherei“ zu einem wahren Glücksgriff für den Berliner Guggolz Verlag, der sich auf verschollene Klassiker aus Ost- und Nordeuropa spezialisiert hat.

Der knochenharte Alltag, den Gelléri in seinem Roman so eindringlich und facettenreich beschreibt, ist aus weiten Teilen Europas verschwunden. Der Hände Arbeit wird durch Maschinen vielfach obsolet oder gleich in andere Kontinente ausgelagert. In der modernen Arbeitsgesellschaft hat das Versprechen von Selbstverwirklichung dem reinen Broterwerb den Rang abgelaufen. Angesichts einer durchökonomisierten Welt wiegen prekäre und ungerechte Beschäftigungsverhältnisse jedoch schwerer denn je. Mit seinem weitsichtigen Roman schürt Andor Endre Gelléri die Hoffnung, dass es jenseits all der Dampfkessel, Werkbänke und Schreibtische noch Leben gibt.

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei. Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Timea Tankó. Berlin: Guggolz Verlag, 2015. 221 Seiten, € 22.