Zoltán Kőrösi

Szentfalva – Heiligendorf

Auf die Frage, was wohl das Geheimnis einer langen und glücklichen Ehe sei, hat einmal eine kluge Frau ohne zu Zögern erwidert: Man muss die Bestie füttern!, um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, sie hatte tatsächlich an Essen und tatsächlich an ihren Mann gedacht, und daran, dass auch zu dem feinfühligsten Herzen der Weg durch den Magen geht, und das weiß nun wirklich jeder wahre Historiker und Stadtkenner, der Magen unserer Stadt Budapest ist gerade unser Bezirk, in unserer Heimat ist unsere Hauptstadt, in unserer Hauptstadt ist unser Bezirk, der die Glückseligkeit und das Wohlgefühl zu den eleganten Palästen, ins Herz der Stadt gepumpt hat, dieser Bezirk kann selbst sein Entstehen dem Essen verdanken, und es gehört zur schönen Vergangenheit, dass einst eine Siedlung mit Namen Szentfalva – Heiligendorf – in dieser Gegend gestanden hat, schon damals gab es an der Donau Wassermühlen, bis dann die Türken das Dorf zerstört haben und von den Mauern allein die Heiligen geblieben sind, doch auf den Ruinen haben sich Bauern niedergelassen, Meiereien und Pachtböden wuchsen heran, denn dieser Boden jenseits des Kecskeméter Tors der Pester Stadtmauer war ein guter, wasserreicher Boden, die Handwerker und die wohlhabenderen Familien ließen sich fein ordentlich innerhalb der Mauer nieder und draußen blieben diejenigen, die die Felder bestellten, bekanntlich wurde unser Bezirk von zwei großen Landstraßen zur Welt gebracht, die Landstraße der Großen Tiefebene und die Donau, der Sand und das Wasser, Erstere, weil hier die Huftiere in die Hauptstadt getrieben wurden, und auf der Letzteren schwammen die mit Korn beladenen Frachter hinauf, geradewegs zu den am Ufer angesiedelten Mühlen, die Donau ist die Donau, doch der Name der Landstraße der Tiefebene war gerade Kőrösi-Landstraße, was, gestehen wir es ruhig ein, eine besondere Freude ist, vielleicht weniger jedoch, dass unser König und Kaiser Franz I. den Bürgern von Pest, als er 1792 den Thron bestieg, im Monat Dezember jenen Wunsch erfüllte, dass „die Vorstadt vor dem Kecskeméter Tor als immerwährendes Andenken ab nun nach dem höchsten Namen des Königs als Ferencváros – Franzstadt – benannt sei“, und wir wissen sehr wohl, wenn wir etwas einen Namen geben, dann wird das damit auch geboren, vier Jahre später begann man mit dem Abriss des Kecskeméter Tors und die Pester Stadtmauern verschwanden der Reihe nach, und, nicht zu leugnen, das immerwährende Andenken und die Franzstadt blieben, König Franz hingegen gehört den Geschichtsbüchern an, nur aus der Kőrösi-Landstraße ist eben die Üllői-Straße geworden, das hingegen sprachen die damaligen Pester als Üllei aus, was sich allerdings nicht geändert hat, war die Bedeutung des Essens, beim Essen kennen wir keinen Spaß, unsere Franzstadt wurde aufgebaut wie das verkörperlichte Beispiel einer herzverlockenden Nahrungskette, eine mit magischen Zeichen vollgekritzelte Nahrungspyramide, ob wir von der Sohle in Richtung Kopf sehen oder den Kopf an die Stelle der Sohle drehen, die zeitliche Folge über den Haufen schmeißend, können wir auch gleich beim Endprodukt anfangen, das nämlich bedeutete die Erste Pester Spodium und Leimfabrik, falls jemand es nicht wissen sollte, Spodium bedeutet Knochenkohle, und mehr brauche ich gar nicht zu sagen, als dass die hier verlaufende Illatos-Straße, zu deutsch Duft-Straße, ihren Namen nach dem „Duftgraben“ und der wiederum nach den sich hier verbreitenden Gerüchen von Leim und tierischem Abfall, des sich überall festsetzenden Dunstes der ausgekochten Knochen erhalten hat, und wenn wir hereinkommen, mit dem Finger auf dem Stadtplan, beginnt hier die Lebensmittelversorgung, die Donau und die Tiefebene gaben das Korn, und das Franzstädter Ufer bedeckten die Mühlen, die Concordia-Mühle, die Mühle der Pester Müller und Bäcker, die Gizella-Mühle, die Király-Mühle, die Hungária-Mühle, das war schon eine bedeutende Sache in einer Mühle zu arbeiten, ein Müller ist schon ein echter Herr, und wenn schon hier gemahlen wurde, beschloss die Pester Generalversammlung auch den Bau des Rinderschlachthofs, in dem ruhmreichen Jahr 1872 wurde dieser öffentliche Schlachthof eröffnet wie ein grünender Park und Volksgarten, mit bunten Blumen und Skulpturen, das Tor bewachte sogar das Werk Büffel und Stier des namhaften Berliner Bildhauers Reinhold Begas, daneben befand sich auch die Tiermarktkasse, mit einem großen Stall, auf den Eisenbahnschienen trafen die Transportwaggons ein, und damit die Nahrungspyramide komplett war, wurde drei Jahrzehnte später in der Gubacsi-Straße der Schweineschlachthof eröffnet und kurz darauf der Pferdeschlachthof und auch der dazugehörige Pferdefleischbetrieb, kein Wunder, dass sich die Ármin Herz und Söhne AG, die weltberühmte Salamifabrik, in dieser Gegend, in der Soroksári-Straße in die Ruhmesliste eingetragen hat, kaum einige Häuserblöcke von der als Stiftung János Zwacks ins Leben gerufenen Unicum-Fabrik und der Sektfabrik Törley und der Presshefefabrik der Familie Gschwindt und der Schokoladenfabrik von Frigyes Stummer, und hier ließen sich auch die bulgarischen Gärtner nieder, um nie dagewesene Paprika und Tomaten in ihren Gewächshäusern heranzuziehen und sich dann vom Preis des Gemüses auch eine bulgarische Kirche zu bauen, die Kirche des Heiligen Kyrillos und Methodios, die wie es sich gehört in der nach den Schlachthöfen benannten Vágóhíd-Straße, zu deutsch Schlachthof-Straße, steht…, wie ein gedeckter Tisch, so war unser Bezirk, natürlich nur, wenn wir von dem Schweiß und dem unerträglichen Durcheinander der Gerüche absehen, aber wer gut essen will, der soll nicht zimperlich sein, oder wenn doch, dann kann er in die funkelnde Goldspitze unserer Nahrungspyramide gehen, in den am weitesten oben glitzernden Edelstein, der, nicht wahr, die 1897 eröffnete Große Markthalle war und auch geblieben ist, denn wenn schließlich das Leben der Rinder, Schweine und Pferde schon zu Ende ist, und das Korn schon gemahlen, dann soll es auch einen Ort geben, wo das gebildete vornehme Publikum sie kaufen kann, nicht als ob die Eröffnung leicht gewesen wäre, denn gerade vor der Übergabe brach in der Halle ein Feuer aus und hat das Gebäude beinahe vollkommen aufgezehrt, so mussten die Pester dann noch ein Jahr warten, dann aber gab es hier alles, was einem das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, beispielsweise wurde von der Donau aus ein Tunnel eröffnet, damit das Gemüse und die Frachtkähne direkt vom Fluss unter die Markthalle fahren konnten, um ihre Waren in die Lager zu liefern, im Souterrain gab es Kühlräume, und innerhalb der Halle konnten emsige Hände die zu verkaufende Ware auf Schienen umherfahren, na klar, dass hier, in der Nähe der Markthalle die riesigen öffentlichen Lagerhallen standen, die den Lebensmittelbestand der gesamten Hauptstadt in ihren Magen aufnahmen, und noch dazu war hier der Elevator, dieses fantastische Gebäude, in dem der Weizen mit einem Aufzug transportiert wurde, zum Bau der Lagerhallen mussten im Übrigen mehrere tausend Pfähle in das morastige Ufer geschlagen werden, jedes Stück sieben Meter lang, wenn es also jemand nicht wissen sollte, unser Bezirk ist nicht nur der Magen Budapests, sondern zudem auch sein geheimes Venedig, und wenn wir schon einmal beim Magen, Herzen und bei den Freuden sind, dann sollten wir nicht vergessen, dass nicht weit entfernt das Zentrale Pfandhaus betrieben wurde, denn, ganz ohne Zweifel, gleich was geschieht, essen muss man schon, Knochenkohle, Leim, bearbeitete Tierhaut, Frischfleisch und Salami, Pferdewurst und Feinmehl, Brot und Kaisersemmeln, Likör, Sekt und Pralinen, Salzgurken und Tomaten von den bulgarischen Gärtnern, so wurde unsere Stadt viele, viele Jahrzehnte am Leben gehalten, und da nicht nur die Namen die Benannten zu Leben erwecken, sondern auch die Handlungen, hat dieser unsere Bezirk die Stadt gefüttert, und dabei verwandelte er sich selbst auch in Essen, zumindest den Zeichen nach, wer es nicht glaubt, der sehe nach, auf der Budapest-Karte zeigen die Linien klar und deutlich, in unserem Land ist unsere Stadt Budapest, in unserer Frauenstadt ist unser Bezirk, den man sich nur ansehen muss, und er zeigt sich, man kann ihn gar nicht verwechseln, er ist so wie ein wunderbarer Schulterknochen, dort ist er, man kann ihn nicht verwechseln, von der Großen Markthalle bis zum Illatos-Graben, das ist ganz klar ein Schulterknochen.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

(Erschienen in Drei Raben – Zeitschrift für ungarische Kultur, Dezember 2005)