Kein Mädchenroman

Eine Buchvorstellung von Péter Bozsik

Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer [A dögeltakarító, Magvető 2015, 258 Seiten]

Erzählt wird die Chronik des Krieges, der Lager, des Leidens also, und der Protagonist des Romans fühlt sich immer ein wenig verantwortlich für die Verbrechen der Welt. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Er wird Henker und Opfer zugleich. Der Autor selbst sagte dazu in einem Interview: „[...] und die tiefste Erkenntnis beim Schreiben des Buches war gerade, dass ich tatsächlich dort unter ihnen war, ich war es, den sie demütigten, und ich war es, den sie vergewaltigten, ich war es, den sie in die Grube schossen. Beziehungsweise war nicht dies die tiefste Erkenntnis, sondern, dass mir nicht nur die Opfer, sondern auch die Mörder ebenso nahe standen, denn auch sie waren so wie ich, und das bedeutete, dass ich es war, der die kroatischen und bosnischen Frauen vergewaltigt hat, ich war es, der die mit mir gleichaltrigen Jungen nackt ausgezogen hat, ich war es, der sie Gruben ausheben ließ, und ich war es, der sie dann ins Genick schoss [...]“.

Das Buch selbst gliedert sich in sieben Kapitel von unterschiedlicher Länge, die sich aus verschieden langen Unterkapiteln zusammensetzen (Amerika 19, Der Laster 5, Der Naturheiler 20, Célia 7, Europa 10, Das Abendessen 8, Das Meer 6), dies verleiht dem Roman eine mosaikartige Struktur und ermöglicht dem Autor, sich frei in Raum und Zeit zu bewegen. Jedes der Kapitel hätte auch für sich Bestand, das Ganze halten der namenlose Protagonist und die Erinnerungsfragmente seiner Vergangenheit zusammen. Sowie das überaus starke Motiv der Körperlichkeit: Vergewaltigung, Sex ohne Liebe und da er an einem durch den Krieg verursachten posttraumatischen Stress leidet, muss er an den unerwartetsten Orten furzen oder seine Notdurft verrichten (so scheißt er etwa in einen Lift oder pinkelt in einem Auto in eine Flasche).

 Die Handlung lässt sich nur schwer zusammenfassen, was gerade auf der oben erwähnten mosaikartigen, bruchstückhaften Konstruktion beruht, in der sich zudem die erste und die dritte Person Singular abwechseln. Damit will der Autor offensichtlich einerseits die Unerzählbarkeit der Geschehnisse aufzeigen, andererseits aber auch, dass diese Unerzählbarkeit selbst über mehrere Gesichtspunkte verfügt.

 Der Protagonist des Romans ist mal Benzinschmuggler, mal Kadaverräumer, mal fertigt er Mosaike an. Wir treffen ihn in Berlin, in Novi Sad, in Subotica, Budapest, Belgrad oder aber in Dalmatien an. Doch wohin er auch geht, immer begleiten ihn die Schreckensbilder des Grauens aus dem bosnischen Bürgerkrieg, wo Mord, Gewalt und Hunger herrschten. Eine der erschütterndsten Szenen des Romans ist, als in gesäuberten Häusern (gemeint ist: die Bewohner wurden ausgerottet oder vertrieben) die winselnden, hungernden Hunde zusammengesammelt, erschossen, gehäutet, gekocht und gegessen werden. Der Protagonist ist ein Getriebener, als lebte er kein eigenes Leben, ein solches hat er nämlich auch nicht mehr, es wurde ihm genommen. Zoltán Danyi schont seine Leser nicht, und er lässt sie durchaus arbeiten, mit seinen meist langen, verschlungenen Sätzen. Doch nicht nur die zuweilen mehrere Seiten langen Sätze bedeuten für die Leser geistige Arbeit, sondern auch der Umstand, dass er die Dinge beim Namen nennt. Und hierbei denke ich jetzt nicht nur an die Benennung der körperlichen Funktionen und die Schilderung von Gewalt, sondern an jene existenzielle Angst, die jede einzelne der Zeilen vermittelt. Grabesstille bleibt zurück, und Leichengeruch. Eine kafkaeske Welt ist das, mit all ihren Labyrinthen, in der allein der Anblick des Meeres vielleicht einen Funken Hoffnung geben.

 Auch wenn der Autor in einem anderen Interview behauptete, beim Schreiben des Romans hätte niemand auf ihn gewirkt, bin ich mir selbst doch sicher, eine eingehende Interpretation würde aufzeigen, dass als Grundgeräusch hinter den Texten der Einfluss von Thomas Bernhard und Ottó Tolnai rauscht.

 Zum Schluss sei angemerkt, dass Zoltán Danyi ein ungarischer Schriftsteller aus der Vojvodina (Nordserbien) ist, also ein Autor der dortigen ungarischen Minderheit. Er sieht und schildert jenes Grauen, das man üblicherweise den südslawischen Bürgerkrieg nennt, aus diesem speziellen Blickwinkel.

 (Zoltán Danyi: A dögeltakarító, Magvető, Budapest 2015, 258 Seiten)

(Quelle des Interviews: hu.autonomija.info/masrol-akartam-irni/)