Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer [A dögeltakarító, Magvető 2015, 258 Seiten]

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Er war schon fast an der Ecke der Ringstraße und der Rákóczi-Straße, aber der Schreibwarenladen war nirgendwo, dabei hätte er da sein müssen, er erinnerte sich genau, nachdem er im Ledergeschäft den Schlüsselanhänger gekauft hatte, war er noch in den Schreibwarenladen gegangen, also konnte es sein, dass er ihn jetzt nur nicht bemerkt hatte und schon an ihm vorbeigefahren war, aber kein Problem, beim Astoria würde er parken und dann zu Fuß zurückkommen, dachte er, denn der Schreibwarenladen musste ganz sicher irgendwo bei der Straße der Feuerwehrleute sein, und daneben gab es auch ein Schmuckgeschäft, in dessen Schaufenster er im Januar die kobaltblaue Halskette gesehen hatte, und diese Halskette hatte genau dieselbe Farbe wie Celias Augen, also konnte es auch sein, dass er nur wegen der kobaltblauen Kette gerade hier, gerade in diesem Schreibwarenladen das Heft kaufen wollte, und wenn es ihm gelang am Astoria zu parken, dann würde er sich auch ansehen, ob die Kette noch da wäre, dachte er, danach aber das Café in der Straße der Feuerwehrleute suchen, in dessen Fenster er das letzte Mal einen Typen mit Wurstschnauzer und Gämsenlederjacke gesehen hatte, der für die Gäste irgendeine süßliche Musik spielte, nicht auf dem Klavier oder der Geige, sondern auf einer schneeweißen Harfe, dabei wiegte sich sein Oberkörper zum Rhythmus der Musik nach vorn und hinten, und da fiel ihm ein, dass er doch diesen Kerl nach dem Mittagessen vor dem türkischen Schnellrestaurant gesehen hatte, ja, genau dieser Harfenist mit dem Wurstschnauzer war aus dem Mercedes ausgestiegen und hatte den Behindertenausweis hinter die Windschutzscheibe gesteckt, dachte er, während er über die Straßenkreuzung rollte, und da sah er schon, dass es auch vor dem Hotel Astoria keinen Parkplatz gab, aber kein Problem, nach dem McDonald's biegt er in die erste Straße und dort kann er dann vielleicht parken, dachte er, als er aber einige Minuten später den McDonald's zurückgelassen hatte und in die erste Seitenstraße einbog, da bereute er sofort, so einen Blödsinn gemacht zu haben, denn schon wieder stand er im Stau, andere hatten nämlich denselben Gedanken gehabt und sich vorgestellt, in dieser Seitenstraße parken zu können, aber sie irrten sich, denn auch hier gab es keinen Platz, zudem fuhr die Autoschlange wieder im Schritttempo, sodass er, als er mit Mühe und Not an der Ecke angelangt war, wieder nach rechts abbog, und jetzt fuhr er in die Magyar-Straße, in der die Situation dieselbe war, da dies jedoch eine Einbahnstraße war, hatte er keine Chance, eventuell kehrtzumachen, natürlich hätte er auch gar nirgendwohin kehrtmachen können, denn in den anderen Seitenstraßen war die Situation dieselbe, sagte er, und da schlug er vor Wut bereits mehrmals auf das Lenkrad, denn jetzt hatte er tatsächlich das Gefühl, es gäbe kein Weiter und die Geschichte sei hier zu Ende, oder gerade im Gegenteil, das hätte nie ein Ende, dachte er, und wieder rülpste er das Mittagessen hoch, aber er hatte kein Wasser mehr, um einen Schluck zu trinken, danach fuhren die Autos los, kamen jedoch nur ein paar Meter voran, und ihm ging durch den Kopf, was für eine Pleite das wäre, wenn er schließlich hier in der Innenstadt steckenbliebe und nicht nach Szentendre käme, obwohl er, wenn es ihm mit dem Wagen nicht gelänge, auch mit der S-Bahn hinausfahren könnte, dachte er, natürlich müsste er erst einmal irgendwo parken, in der Magyar-Straße bewegte sich die Schlange aber vorerst keinen Meter und es hatte stark den Anschein, das würde für eine Weile auch so bleiben, wenn er aber hier eingezwängt wäre und bis zum nächsten Tag steckenbliebe, dann hätte er wirklich ein Problem, dachte er, denn aus Anlass des Nationalfeiertages würden die Demonstranten sich erwartungsgemäß wieder eine Schlacht mit den Polizisten liefern, und keine Frage, sie würden einander am liebsten auffressen, so wie die Albaner und die Serben, denn wer weiß, womit die Serben ihre Fleischkonserven füllen und was die Albaner in die Füllung ihrer Fleischbureks mischen, dachte er, der Verkehr aber schien vollends ins Stocken geraten zu sein, sodass sein Weg wohl hier zu Ende sei, in dieser unter Verstopfung leidenden Magyar-Straße, dachte er, von links kam ein Mann auf dem Gehweg entgegen, ein großer, verfetteter Typ, an seinem Gesicht zitterte bei jedem Schritt das dicke Fleisch wie Sülze – und jetzt fiel ihm aus irgendeinem Grund der Streit ein, den er in Dalis Restaurant gehört hatte, noch Anfang Januar, als sie die Details im Zusammenhang mit dem Mosaik besprechen mussten, denn während er in dem Restaurant auf Dalibor wartete, vernahm er diesen Streit, den am Nachbartisch drei Typen ausfochten und in dem es darum ging, wessen Nationalgericht die Ćevapčići seien, der Serben, der Kroaten oder der Bosnier, natürlich dampfte vor jeder der drei Gestalten jeweils eine Platte Ćevapčići, auf gewürfelten Zwiebeln reihten sich nebeneinander die Fleischröllchen wie Geschosse, und während sie sie in Ajvar tunkten und in sich stopften, tönte der eine von ihnen, ein sehniger Typ mit knochigem Gesicht, dass die Ćevapčići ein serbisches Nationalgericht seien, und zwar schon immer, und das blieben sie auch auf ewig; der andere, ein verschwitzter Kerl mit rundem Gesicht, dessen Haare rabenschwarz glänzten, behauptete etwas stiller, aber ebenso entschieden, nein, nein, die Ćevapčići seien keine serbische Erfindung, die Serben hätten das Gericht nämlich von den Bosniern übernommen und nur so viel daran erneuert, dass sie auch Schweinefleisch dazumischten; das sei Blödsinn, posaunte der mit dem knochigen Gesicht, und da die Lautstärke sein wichtigstes Argument war, beteuerte er noch lauter, die Ćevapčići wären ein serbisches Gericht, die Bosnier hätten es nämlich von den Serben geklaut, aber gleichzeitig auch versaut, fügte er hinzu, weil sie das Schweinefleisch weggelassen hätten; der mit dem rabenschwarzen Haar antwortete darauf nur, die Bosnier würden nicht nur kein Schweinefleisch, sondern ursprünglich auch kein Lammfleisch in die Ćevapčići mischen, nur Rind; das sei es eben, warf der mit dem knochigen Gesicht aufgeregt ein, genau das sage doch auch er, was für Idioten die Bosnier seien; woraufhin der mit dem Rabenhaar, weiterhin ruhig, damit fortfuhr, die Frage sei nicht, wer die Idioten wären, sondern was es zuerst gegeben hätte, die bosnischen oder die serbischen Ćevapčići, und die Wahrheit sei, die bosnischen wären die Ersten gewesen, doch das bedeute nicht, dass die Bosnier sie erfunden hätten, denn sie hätten sie von den Türken übernommen, die Ćevapčići stammten also eigentlich von den Türken und seien von den Türken über die Bosnier zu den Serben gelangt, die auch Schwein und Lamm in das Rindfleisch mischten, sagte er, und die Wahrheit sei die, auch ihm schmeckten die serbischen Ćevapčići am besten, gerade weil sie aus dreierlei Hackfleisch gemacht würden; da meldete sich auch der dritte zu Wort, ein unfreundlicher Kerl mit Narbengesicht, der sich bislang nicht an dem Gespräch beteiligt, die Fleischröllchen nur stumm in sich hineingestopft hatte, jetzt aber erklärte er, auch ihm schmeckten die serbischen Ćevapčići am besten, die aus der Vojvodina seien aber die schlechtesten, weil die Vojvodiner das Lamm und das Rind weglassen und die Ćevapčići nur aus Schweinefleisch machen würden, und das seien gar keine Ćevapčići, sondern Frikadellen; der mit dem knochigen Gesicht konterte damit, dass er mit Frikadellen kein Problem hätte, die bosnischen Ćevapčići seien aber viel beschissener, weil die Bosnier alles vermasseln, sagte er und begann sich wieder zu ereifern, jedoch warf der mit dem Rabenhaar da ein, das Ganze sei ein Blödsinn, die Bosnier seien auch Serben, woraufhin der mit dem knochigen Gesicht so tat, als hätte er das gar nicht gehört, und weiter tönte, ihm würden gerade die aus Schwein zubereiteten Ćevapčići am besten schmecken, denn Rindfleisch sei so wie Kaugummi, und Lammfleisch rieche ausgesprochen nach Schafscheiße; der mit dem Rabenhaar wartete geduldig ab, bis der andere fertig war, und erwiderte dann mit der allergrößten Ruhe, das sei natürlich eine Frage des Geschmacks und es lohne sich gar nicht darüber zu streiten, wer was lieber mögen würde, wie auch darüber nicht, woher die Ćevapčići stammten, denn die Ćevapčići hätten die Türken auf den Balkan gebracht, und da die Türken kein Schweinefleisch essen, würden die Ćevapčići ursprünglich aus Rindfleisch zubereitet, erklärte er in aller Ruhe, und man konnte nicht entscheiden, ob er all das machte, um die Gemüter zu beruhigen, oder ganz im Gegenteil deshalb so sprach, um den mit dem knochigen Gesicht nur noch mehr in Rage zu bringen, jedenfalls betonte er noch einmal, dass es müßig sei, darüber zu streiten, weil eigentlich alle Ćevapčići gut seien, ob nun aus Rindfleisch oder aus Lamm oder aus Schwein, völlig egal; einen Scheißdreck ist das egal, schmetterte der mit dem knochigen Gesicht zurück, die Ćevapčići seien ein serbisches Gericht und das blieben sie auch, egal was die schwulen Amerikaner sagen würden, weil die Serben schon existiert hätten, als noch gar keine Rede von Bosniern oder Amerikanern war, und sie würden auch dann noch existieren, wenn Bosnien und Amerika nicht mehr wären, sagte er und stopfte sich den Mund mit Fleisch und Zwiebeln voll; das stimmt, antwortete der mit dem Rabenhaar und schluckte den Bissen hinunter, aber wenn die Ćevapčići ein serbisches Nationalgericht sind, warum schützen wir es dann nicht durch ein Patent, so wie die Italiener die Pizza, fragte er; warum, warum, warum, explodierte der andere mit vollem Mund, wann haben wir denn schon irgendwas geschützt, was uns gehört, fragte er zurück, und tunkte ein weiteres Fleischröllchen in das Ajvar und steckte es sich in den Mund... und wie er über all das in der unter Verstopfung leidenden Magyar-Straße nachdachte, kam ihm die Idee, dass man auch die Form der Ćevapčići einmal studieren könnte, denn die bosnischen Ćevapčići waren zweifelsohne wie ein weicher, dicker Pimmel, die serbischen Ćevapčići jedoch wie ein dünner, aber harter Schwanz, die aus der Vojvodina hingegen wie ein mittelhartes, mitteldickes Glied, dachte er, und überhaupt nicht egal war auch, ob Frauen oder Männer die Ćevapčići kneteten, denn die Nationalbräuche unterschieden sich vermutlich auch darin, im Fall der Serben und Bosnier kneteten sie wahrscheinlich die Männer, bei den Kroaten und den Vojvodinern allerdings fast sicher die Frauen, denn einmal hatte er mit eigenen Augen gesehen, wie entschlossen die vojvodinischen Frauen das Hackfleisch mit ihren Fingern bearbeiteten, es war fast erschreckend, was sie mit diesem Fleisch veranstalteten, gleichzeitig war etwa bei der Zubereitung von Krautwickeln oder Frikadellen keine Spur von dieser Entschlossenheit zu bemerken, und was das anging, hatte Jelena für P. ganz bestimmt auch Ćevapčići gebraten, als sie ihn zum Abendessen eingeladen hatte, denn mit Ćevapčići konnte man nicht daneben liegen, Ćevapčići mochte jeder Mann auf dem Balkan, dachte er, und er musste zugeben, dass das auch sein Lieblingsgericht war und er Ćevapčići niemals, unter keinerlei Umständen widerstehen konnte, in gewisser Hinsicht war also auch er ein Mann vom Balkan, dachte er – und das war jetzt so, als würde man Salz in eine alte Wunde streuen, denn damit kam in ihm die alte Frage hoch, wer er eigentlich sei und was verdammte Scheiße er mit dem Ganzen zu schaffen hätte.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador