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Gárdos, Péter
 

Bildkünstler im Schreibfieber

Der Filmregisseur Péter Gárdos hat seine erste Erzählung mit dem Titel „Fieber am Morgen“ herausgegeben. Eine Rezension von Andrea Meisel

Wer heute in Deutschland ein Buch über Judentum veröffentlichen möchte, der muss lange nach einem Verlag suchen, der das Thema mit offenen Armen empfängt. Der Markt ist überladen mit Büchern und Filmen zu dieser Thematik. Übersättigt ist nicht nur der Buchmarkt, auch die allgemeine Bereitschaft sinkt, sich damit auseinanderzusetzen. Sogar Sekundärliteratur, also Literatur zur Interpretation von jüdischer Literatur, ist massenhaft geschrieben worden. Es stellt sich nicht die Frage, welche Geschichten kann man über das Judentum erzählen, als vielmehr: zu welchem jüdischen Thema wurde noch nichts gesagt?

Aber nun hat es wieder ein Roman aus der Holocaust-Literatur auf den Markt geschafft, noch dazu einer mit klassischem Plot: Er und sie überleben das KZ, lernen sich im Ausland kennen und lieben; sie wunderhübsch und zart, er zwar missgestaltet, aber leidenschaftlich und wagemutig und dadurch dennoch liebenswürdig. Sie treffen sich einmal, zweimal, überwinden gemeinsam Widrigkeiten, am Ende gehen sie den Bund des Lebens ein. Ende im Gelände.

Was sich hier wie ein überzeichnetes Märchen liest, gibt sich als die wahre Liebesgeschichte der Eltern von Péter Gárdos aus, dem Autor des Buches. Es ist das Romandebüt eines Mannes, der sich in Ungarn als Filmregisseur einen Namen gemacht hat. Nach einigen Jahren Drehpause hat er sich nun entschlossen aus den hinterlassenen Liebesbriefen und den persönlichen Erinnerungen die Liebesgeschichte von Miklós und Lilli Gárdos zu rekonstruieren. Heraus kam nicht nur das vorliegende Buch, das nun in 29 Ländern erscheinen soll, sondern auch ein Film unter der Regie des Autors. Er wird im Sommer 2016 auch in den deutschen Kinos anlaufen.

Was macht das Buch interessant? Dass es kurz ist. Auf 250 Seiten erschafft Gárdos eine Welt von zwei Massenlagern, hunderten Flüchtlingen; er muss nur andeuten, nur kurz das Thema des jüdischen Schicksals anreißen und schon setzt sich das Bild in der Vorstellungswelt zusammen. Vielleicht auch weil es schon so oft gesetzt wurde: in Schrift, in Bild, in Ton. Wir alle kennen diese Bilder.

Doch genauso schnell, wie sie erschaffen worden ist, so schnell zersetzt sich die Welt auch wieder und entpuppt sich als wenig plausibel. Die Charaktere verkommen zu Karikaturen, die Handlung bleibt unglaubwürdig und die Erzählperspektive fraglich.

Das beginnt schon am Anfang mit den Szenen im schwedischen Krankenhaus. Die KZ-Überlebenden haben keine Privatsphäre, schlafen in großen Schlafsälen, es gibt wenig zu essen. Miklós ist todkrank– doch die Flüchtlinge tragen Schlafanzüge, veranstalten Singabende, bewerfen sich mit Parfümflaschen und freuen sich ihres Lebens. In einem Brief an seine Liebste schreibt Miklós: „Wir haben hier so gute Laune, dass es beinah schon gefährlich ist.“ Die Todesdiagnose, mit der Miklós leben muss, ist am Ende nur ein Hirngespinst.

Judit Gold ist eine Freundin von Lilli und obwohl sie sich offensichtlich nah stehen, wird diese als Gegenfigur zu Lilli inszeniert: Sie ist „kugelrund“, trägt einen „Damenbart“ und ist zehn Jahre älter. Im Übrigen sind alle Frauen im Roman im Gegensatz zu Lilli „grobschlächtig“. Aus Neid über Lillis Glück schmiedet sie boshafte Pläne, während Lilli ihr naiv vertraut. So zerstört sie die kostbare Meterware, die Lilli von Miklos geschenkt bekommen hat. Später lässt sie Miklós auffliegen, als dieser sich als Cousin ausgibt um ein Besucherrecht zu erhalten. Doch all‘ diese Versuche können die starken Gefühle Lillis nicht zerstören. Und so muss auch der letzte Versuch von Judit Gold, den Rabbi von der Verderbtheit Miklós‘ zu überzeugen, scheitern. Gegen Ende des Buches ahnt man es schon: Die Liebe der Helden muss siegen.

Dass Péter Gárdos sich selbst in die Rolle des auktorialen Erzählers begibt, der einerseits die Liebesgeschichte der Eltern als persönlichen Triumph erzählt, andererseits aber auch die Gefühle und Gedanken der Nebenfiguren beschreibt, ist eine unglückliche Entscheidung. Zurück bleiben Figuren, die unter der subjektiven Sicht des Sohnes nur eine gute oder eine schlechte Rolle im Geschehen einnehmen können.

Gárdos‘ Stärke besteht im Film, das ist keine Frage. Dazu passt, dass er Original-Briefausschnitte zwischen die Textpassagen einfließen lässt. So entstehen im Lesefluss interessante Parallelen zwischen dem erzählten Geschehen und der tatsächlichen Korrespondenz. Nichts steht dem filmischen Szenenschnitt so nah wie diese literarische Collagentechnik.

Wenn auch der deutsche Buchmarkt viele solche Erzählungen über jüdische Schicksale bereithält, so muss man dem Autor doch zu Gute heißen, dass dieses Buch auch positive Auswirkungen hat. Die ungarischen Medien haben schon aufgrund der Berühmtheit des Autors dem Werk viel Aufmerksamkeit gewidmet und leisten damit einen Beitrag zur nationalen Vergangenheitsbewältigung. Das ist ein wirklicher Mehrwert für Ungarns Verhältnis zur Geschichte, den man schätzen sollte.

 

Gárdos, Péter: Fieber am Morgen. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. München: Hoffmann und Campe, 2015. Hartcover, 256 Seiten, 22 €. ISBN: 978-3-455-40557-6

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