János Arany

János Arany (1817-1882) ist bis auf den heutigen Tag der größte Klassiker und das noch immer tragende Fundament der ungarischen Literatur. International hat er bislang mit Max Frisch gesprochen "die durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers". Anlässlich seines 200. Geburtstages gibt es Versuche, ihn auch international bekannter zu machen. Arany hat eine große Aktualität, er bezieht seine Inspiration aus der Weltliteratur und dem ungarischen Dorf zugleich. Er zeigt in seinen Schriften, dass ein Kosmopolit ohne Bindung so unorganisch und provinziell bleiben muss wie eine lokale Bindung ohne Kosmos. Lebendigkeit entsteht erst in der Überwindung aller Ausgrenzung, dann wachsen die Gegensätze zusammen und sind plötztlich keine mehr.

Eine neue Nummer der DREI RABEN (Zeitschrift für ungarische Kultur) wird versuchen, vor allem diese Fähigkeit des großen Melancholikers János Arany deutlich zu machen.

 

János Arany

 

Am Abhang

 

Dunkel wird es, Rabenflügel

Schlagen an die Fensterscheiben.

Schatten meiner Seele, trübe,

Lassen mich in Schwermut treiben.

Runter schau ich wie die Wolke,

Was sie hinter sich gebracht:

Nichts gelang so wie ich wollte -

Jetzt scheint alles wie vollbracht.

 

Frohe Jahre! – wenn ihr wirklich

So viel reicher ward an Glück,

Grünend, blühend, leicht und friedlich,

Gern dächte ich an euch zurück.

Ja, mit Schmerzen und mit Klagen

War auch da mein Herz gefüllt,

Doch ich konnte dennoch wagen,

Zuversichtlich und gewillt.

 

Daraus wurde stummer Zweifel,

Denn je weiter ich gelang,

Desto tiefer war das Dunkel,

Unumkehrbar wuchs der Zwang.

Aufwärts wurd‘ ich nie gebracht –

Abwärts führt mein Lebensweg.

Wie einer, der bei trüber Nacht

Behutsam durch das Wasser geht.

 

Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste