Tibor Noé Kiss



Tibor Noé Kiss - Stumme Wiesen

Beschrieben wird eine reglose, düstere Welt ohne jegliche Aussicht oder Hoffnung, der Alltag einer Siedlung in der ungarischen Tiefebene, wo die Bewohner, die Gestalten des verlassenen Schlosses, der schäbigen Häuser, des Ladens und des einstigen Altersheims, nur deshalb bleiben, weil sie dort geboren wurden und keine Perspektive haben. Die Autorin nähert sich den Menschen, den Verlassenen und Ausgestoßenen, mit einem hohen Maß an Sensibilität, sie schafft starke Charaktere, die uns die Tragödie ihres verpfuschten Lebens verstehen lassen. Der fast soziografische Roman von einer Atmosphäre, die einem die Luft zum Atmen nimmt, ist ein Roman der Erkenntnis. Beim Lesen stellt sich uns die Frage, warum wir meinen, anders oder besser als die Figuren des Romans zu leben.

Ein Buch, das den Leser nicht zur Ruhe kommen lässt.

 Leseprobe

Wie viele verlorene Menschen. Sie lachen übereinander, aber lächeln nie. In der Siedlung werden sie langsam wahnsinnig, aber an der Kreuzung machen sie immer kehrt, für sie ist es doch gut hier. Sie schließen die Tür hinter sich, schweigen. Spähen aus dem dunklen Zimmer hinter der Gardine hervor. Und wenn die Nacht niedersinkt, stehlen sie sich aus ihren Häusern. Mit gebeugtem Rücken stolpern sie von Baum zu Baum. Ihr Platz wäre in der Anstalt. Sie sind genau wie die Leute hier, hinter denen man nach dem Zapfenstreich die Tür zusperrt. Dann können sie nur noch vom Balkon aus in die Nacht starren. Der Mond lugte hinter den Wolkenfetzen hervor. Strahlte blass. Er stützte sich auf seine Krücke, hinkte in sein Zimmer zurück. Durch die Siedlung pfiff der Wind, aber der Regen wollte einfach nicht kommen.

Die Lampe auf dem Hof leuchtete matt. Ihr Licht reichte gerade einmal bis zum Gasflaschenschrank, er fand den Schlüssel mit dem roten Plastikanhänger leicht. Das Schloss klemmte, war vom Regen verrostet. Miska Szebeni konnte die Gasflasche kaum heben, als wäre sie an den Boden genagelt. Er wollte sich einen Kaffee kochen, doch es gab kein Gas mehr. Er zog die Flasche bis zur Bank, dann setzte er sich. Kramte aus der Tasche eine Zigarette hervor, er hatte sie dem Lungenkranken abgekauft. Er schaltete das Licht aus, er saß gern im Dunkeln. Doch immer wieder aufs Neue erschien ihm dasselbe Bild, wie eine Halluzination. Er sah sich selbst, wie er endlich die Siedlung verließ. Er verabschiedete sich von dem Einbeinigen und den anderen, an der Wachbude winkte er Pista Tatár zu, dann machte er sich auf der Zufahrtsstraße auf den Weg. Er kam nur langsam voran. Stunden vergingen, Monate, Jahre, doch noch immer erreichte er die Kreuzung nicht. Er war müde, das Gehen fiel ihm schwer. Brütende Hitze, die Sonne brannte ihm im Gesicht. Am liebsten hätte er sich an das Ufer des Grabens gelegt, tat es aber nicht. Er marschierte weiter auf der Zufahrtsstraße.

Die Wolken verdeckten die Sterne. Der Dunst legte sich langsam auf den Asphalt, auf die ausgedörrte Erde. Bis zur Anstalt war zu hören, wie die Schranke im Wind knarrte. Es nieselte. Er hatte keine Lust, sich überhaupt zu rühren, lieber wäre er auf der Bank eingeschlafen. Etwas aber ließ ihn aufmerksam werden. Aus der Ferne hörte er Bruchstücke von Stimmen, vielleicht redeten da Menschen. Er hielt den Atem an. Dann wurden die Geräusche lauter, jemand näherte sich von der Zufahrtsstraße her, trampelte durch die Sträucher. Trat hinter dem Laden hinaus auf den Weg. Er erkannte ihn nicht, sah nicht einmal seine Gestalt, wusste nur, er war da. Es war sicher ein Mann, er keuchte laut. Dann rannte er plötzlich wieder los, die Kiesel knirschten unter seinen Schuhsohlen. Er lief zum Wäldchen, seine Schritte wurden nach und nach leiser. Die Stille durchbrach nur das Flügelschlagen der Vögel. Die Krähen erhoben sich in die Luft.

 

*

Im Hof der Anstalt trieb der Wind die Blätter vor sich her. Sie wirbelten in der Luft, dann fielen sie langsam ins Unterholz zurück. Im Gleitflug, trudelnd, hinabstürzend. Sie fielen auf den Haufen, blieben zwischen den Tannennadeln stecken oder an einem Holzkreuz hängen. Die größeren Blätter warteten auf das Gewitter, um losfliegen zu können. Jene, die unter den Bäumen faulten, aneinander klebten, flehten nach einem Orkan, vielleicht würde er sie endlich losreißen. Der Wind wirbelte, fächelte, streichelte, weiter, ganz nach seiner Laune. Die Blätter stiegen auf in die Luft. Alles begann von vorn.

Streunende Hunde schnüffelten im Staub. Sie wedelten mit den Schwänzen, gingen aufeinander los, winselten, rauften. Aber sie fanden nichts. Sie rannten zum Wasserturm, dann wieder zurück. Legten sich neben den Stall. Zu den Fliegen, in die Urinlachen. Der Güllegeruch zog sie an, sie warteten auf die Rinder, vielleicht würden sie einmal zurückkommen. Die Ställe standen leer. Der Schimmel überwucherte sie, die Stützbalken waren von Holzwürmern zerfressen. Zerfielen allmählich zu Staub, bis sie einmal nicht mehr wären. Auf der Koppel stapften die Pferde, Graurinder spitzten die Ohren. Die Hunde rannten neben der Koppel auf und ab, kläfften. Nicht einmal zufällig berührten sie den Zaun. Sie hatten ihre Lektion gelernt. Auch die Katzen trauten sich nicht aus den Gärten. Wenn es ihnen gelang, vor den Hunden zu fliehen, dann erhängten sie die Kinder an den Bäumen.

Der Hof des verlassenen Hauses liegt im Dämmerlicht. Der Keller des Hauses ist stickig. Die Kanten der Stufen bröckeln. Dort, wohin sie führen, gibt es kein Licht. Eine zusammengefaltete Bettdecke. Unter der Decke kratzt eine Maus. Der Spiegel ist voller Fingerabdrücke. Fünf kleine Fingerkuppen. Der runde Abdruck des Lippenstiftes auf dem Kunststoffregal. Um ihn herum Staub. Aus Zellophan zusammengeknüllte Kügelchen. Zerrissenes Schokoladenpapier. Ein Plüschtier, ein gepunktetes Hündchen. An der Schulter hängen die Innereien heraus, watteartiger, weißer Kunststoff. Ein rosa Höschen auf dem Boden. Auf dem Höschen schlafen Bären, Hasen und Rehe. Das Höschen ist aus dem Rucksack gefallen. Sie holt es nicht mehr.

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor

Nischen Verlag Wien, 2017