Krisztina Tóth - Die brennende Braut

Was sucht eine Leiche in einer Ausstellung? Wohin fahren die Gastarbeiter aus Siebenbürgen in ihrem Kleinbus? Was geschah mit der Frau, der der Kopf in einem Supermarkt plötzlich heruntergefallen war?

Die Erzählungen Krisztina Tóths sind Momentaufnahmen, Spiegelscherben aus dem Ungarn der vergangenen Jahrzehnte. Die Lebenslügen hin und her geworfener kleiner Leute und ihre täglichen Übungen im Überleben. Ausgelieferte Jugendliche und Kinder, Obdachlose und Arme, sich abplagende Mittelschicht und lebensüberdrüssige Celebs. Scheinbar uns allen bekannte, banale Situationen, in denen die Akteure zwar an verschiedenen Orten leben, ihre Möglichkeiten und Wünsche weichen stark voneinander ab, eines aber haben sie gemein: Sie stehen vor Augenblicken der Schicksalswende. Beinahe alle aber schieben die Entscheidung hinaus.

Krisztina Tóth: Die brennende Braut (aus dem Ungarischen von György Buda), Nischen Verlag, Wien 2017

Leseprobe

Der tränende Tiger

Die Kinder hatten Angst vor dem Verleiher der Tretboote. Das war ein großmächtiger Kraftprotz, er lächelte niemals jemanden an, auch die jungen Mütter in ihren Bikinis nicht. Mit gekreuzten Armen stand er vor dem Bootsverleih und passte auf, ob jemand auf die vertäuten Wasserfahrzeuge kletterte. Die Ortsansässigen machten das nie, weil sie wussten, das würde ein ziemlich böses Ende nehmen, die Badegäste aber, die das Wochenende hier verbrachten, kletterten manchmal auf die Boote, um von da oben ins Wasser zu springen. Da blies der Verleiher in seine Trillerpfeife und watete zu den Badenden in den See. Konnte sich der Übeltäter nicht rechtzeitig retten, hob ihn der Verleiher hoch in die Luft und hielt ihn so einige Sekunden lang. Er stemmte nicht nur die Kinder, sondern auch die bauchigen, mit Sonnenmilch eingecremten Erwachsenen und glotzte in ihre Augen wie Hannibal Lecter: Wer diesen wogenden blauen Blick jemals sah, der litt auf ewig an chronischer Hydrophobie. Der Mann gewahrte auch, dass jemand seine Fahrzeuge bestieg, wenn er gerade mit dem Rücken zu ihnen stand. Die Kinder tuschelten, der Verleiher habe auch hinten Augen. Und wirklich, auf seinem rechten Schulterblatt prangte ein großes, rundes schwarzes Muttermal, mit dem er das Wasser beobachtete, wenn er sich einmal abwenden musste. Es hatte den Anschein, er mochte dieses Muttermal an seinem Rücken nicht besonders, ja, er schien es geradezu zu hassen. Wenn eines der Kinder eine Bemerkung über den braunen Fleck machte, schleuderte ihm der Verleiher seine Strandschuhe nach. Ausgeliehen wurde am Freistrand kaum. Es war ein Rätsel, wovon der Mann eigentlich lebte. Was er außerhalb der Saison machte, wusste auch niemand; ob er wohl einen Schi- und Snowboardverleih betrieb oder sich einfach in ein Bodybuilding-Studio einnistete und in den folgenden drei Jahreszeiten von früh bis spät heftig keuchend Muskeln aufbaute? Der Verleiher war überhaupt das Fleisch gewordene dunkle Geheimnis selbst. Vor zwei Jahren kam er im Frühling, zu Saisonbeginn, mit noch mehr Muskeln an, als hätte er sich den ganzen Winter hindurch darauf vorbereitet, mit seinem furchterregenden Äußeren jeden abzuschrecken, ob er nun etwas ausleihen wollte oder nicht. Doch die richtige Überraschung folgte erst, als die Sonne hervorkam und er sein T-Shirt auszog. Der Pizzamann, der eben ein Sonnendach vor seine Hütte zimmerte, blieb unter den Weiden abrupt stehen. Die Klofrau mit dem Besen erstarrte und gab kund, noch nie im Leben eine so wunderschöne Tätowierung gesehen zu haben. Der ganze Rücken des Verleihers war in einen gigantischen Tigerkopf verwandelt. Die Nase des Tigers befand sich zwischen den Schulterblättern des Mannes, als hielte das Tier den Kopf ein wenig gesenkt. Eines seiner Augen war das dunkle Muttermal selbst, mit einem kleinen weißen Hof um die Pupillen. Der Künstler hatte das andere Auge auf das linke Schulterblatt tätowiert, aber so geschickt, so lebensecht, dass niemand, der den Verleiher davor gekannt hatte, einen Unterschied zwischen den beiden Augen erkannt hätte. Wenn der Mann mit dem muskelbepackten Rücken sich vorbeugte, bewegten sich die Streifen im Gesicht des Tigers leicht, und wenn er die Schulterblätter zusammendrückte, weil er vielleicht etwas in die Höhe hob, bekam das Tigergesicht plötzlich Falten, als wolle das Tier angreifen. Die Darstellung war so vollkommen, dass viele nur zum Ausleihen kamen, um sie aus der Nähe begaffen zu können. Und setzte sich der Bootsverleiher einmal halb nackt auf die Terrasse der Pizzeria, mit dem Rücken zum Wasser, fotografierten ihn sogleich die Strandgäste mit ihren Handys. Voriges Jahr aber war mit dem Tiger etwas Besonderes geschehen. Die Kinder hatten es zuerst bemerkt und liefen zu ihren Eltern: „Schaut nur, der Tiger auf dem Rücken des Verleihers weint!“ Die Eltern glaubten ihnen freilich nicht, doch im Näherkommen sahen sie es: Aus dem linken Auge des Tigers sickerte etwas. Überhaupt war die linke Pupille des Tigers angewachsen, geweitet und der Bootsverleiher kratzte und schlug seinen Rücken mit einem Handtuch, dann zog er sich ein T-Shirt an. Bis zum Ende des Sommers war es regelmäßig blutgetränkt, das entzündete Muttermal tränte durch das Hemd. Der Pizzamann sagte ihm öfter, er solle doch damit zum Arzt gehen, doch er zuckte nur die Schultern. Zur nächsten Saisoneröffnung war der Bootsverleiher weg. Alle Buden machten der Reihe nach auf, der mit der Zuckerwatte und die Frau mit den gekochten Maiskolben waren da, aber ein Tretboot konnte man nicht mieten. Die lagen alle zusammengekettet da, bis Mitte Sommer, im heißen Lagerhaus, keines wurde zu Wasser gelassen. Im Juli kam dann ein groß gewachsener, magerer Mann mit einer Glatze und begann, alles auszuräumen. Dabei machte er öfter mal eine Pause, legte die Baseballkappe ab, wischte sich über den rosafarbenen kahlen Kopf. Bis er sich einmal das T-Shirt auszog, kam niemand darauf, dass es sich um den Bootsverleiher handelte. Seine mätigen  Muskeln waren verschwunden und auch sein Zorn war verflogen – wie auch das Auge des Tigers von seinem rechten Schulterblatt dahin war, an seiner Stelle war nur eine Narbe verblieben, als zwinkerte sein Tattoo. Der Bootsverleiher saß den ganzen Tag nur da und herrschte keinen mehr an, der seine Boote erkletterte. Er schaute nur und schaute, blickte in das Wasser des Plattensees. Manchmal watete er hinein und goss Wasser auf die Fahrzeuge, damit sich das Kunstharz in der Sonne nicht zu sehr erhitzte und die Klebestellen nachließen. Dann sank er wieder auf seinen Stuhl unter dem Sonnenschirm am Strand nieder. Das Geschäft ging wegen der Hundstage besser als im Vorjahr, doch das interessierte ihn nicht besonders. Als der Pizzamann Anfang September an ihn herantrat und fragte, ob er ihm vielleicht sein Pachtrecht verkaufe, nickte er. Ja, klar, antwortete er und schaute hinüber, ans andere Ufer. Er grübelte darüber, wie lange es wohl dauerte, bis man mit dem Tretboot drüben ankam und wieso das in so vielen Jahren keinem eingefallen war.