Der Name Wilhelm Droste ist eng mit der ungarischen Kultur und Literatur verbunden. Der in Budapest lebende deutsche Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Übersetzer, Redakteur und Kaffeehausbetreiber ist heutzutage einer der wichtigsten Botschafter der ungarischen Kultur im deutschen Sprachraum, aber er ist auch ein fester Bestandteil des Budapester Kulturlebens. Zu seinem 65. Geburtstag ist nun eine Festschrift erschienen, in der seine deutschen und ungarischen Freunde, Kollegen und Studenten sich zusammengefunden haben, um ihm zu gratulieren. HuBook.de gratuliert Wilhelm Droste auch sehr herzlich mit dem Beitrag von Ingo Schulze (Wenn die Dichtung ein Kaffeehaus wäre, Budapest, Kalligram, 2018, herausgegeben von Lajos Adamik, Edit Király, Ágnes Relle und Anna Zsellér.)

Ingo Schulze

Fanpost

Ich dachte, in der Festschrift dürfte man einen Beitrag zu Ehren von Wilhelm Droste veröffentlichen, der aber nicht auf ihn persönlich Bezug nehmen muss. Da das nicht möglich ist, bin ich nun ziemlich ratlos, weil ich mich am ehesten als Fan von Wilhelm Droste bezeichnen würde, aber nicht als ein Kenner seines Werkes oder seiner literarischen Aktivitäten.

Es war im späten Frühjahr oder frühen Sommer 1998, dass ich auf Einladung des Goethe-Institutes nach Budapest kam. Es ging die Kunde, ein Deutscher habe gleich neben dem Institut ein Café gegründet, und das, wie es hieß, auf eigene Faust. Origineller Weise trage es den Namen „Eckermann“. Dort komme man sogar ins Internet und außerdem gebe der Gründer auch noch eine Zeitschrift heraus (oder habe das zumindest vor), eine deutsch-ungarische oder ungarisch-deutsche Literaturzeitschrift. Im Café dürfte ich lesen, selbst Estherházy sei dort schon aufgetreten. Das klang alles sehr schön, fast schon ein wenig mythisch. Ich weiß nicht, warum ich dann überrascht gewesen bin, als ich Wilhelm Droste leibhaftig gegenüberstand. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und lächelte. Seine Mimik und Gestik schienen mir darauf ausgerichtet zu sein, das Achtungsgebietende oder gar Einschüchternde seiner hünenhaften Erscheinung abzumildern. Er wendete sich jedem seiner Gegenüber zu wie ein Gärtner einem Pflänzchen, das Pflege und Fürsorge braucht. Ich erinnere mich nicht mehr an das, worüber wir sprachen und welche Fragen er als Moderator und Spiritus Rector der Veranstaltung ungarischer und deutscher Schriftsteller stellte. Haften geblieben sind mir seine weitausholenden Armbewegungen und seine Kopfhaltung – beide dazu angetan, Gedanken und Inspirationen vom Himmel auf die Erde zu lotsen oder, falls sie widerstrebten, mit Macht herabzuziehen.

Ich bin Wilhelm glücklicherweise in den letzten neunzehn Jahren immer wieder begegnet. Immer wusste er, was diejenigen, die da aus Deutschland angereist kamen, gerade Neues geschrieben hatten und welche ungarischen Bücher jetzt unbedingt übersetzt werden müssten oder es schon waren und deshalb sofort gelesen werden sollten. Ich bin überzeugt davon, dass es an Menschen wie Wilhelm liegt, dass so eine besondere Beziehung wie zwischen der ungarischen und deutschen Literatur auch in der Gegenwart lebendig bleiben kann. Das klingt nun wie ein Satz aus der Begründung für einen Orden der literarischen Völkerfreundschaft, aber so ist es nun mal.

Ich nehme an, am häufigsten wird Wilhelm Droste mit einem Kraftwerk verglichen, mit einem literarischen Kraftwerk oder einem Kraftwerk der Freundschaft. Das ließe sich von Wilhelm-kundigeren Menschen in verschiedene Richtungen ausdifferenzieren. Was mich aber an ihm besonders fasziniert, hat damit nur bedingt zu tun.

Zur Beerdigung von Péter Esterházy im August 2016 fand ich zusammen mit einem langjährigen Freund von Wilhelm, dem deutschen Universalgelehrten und Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung Lothar Müller, bei ihm und seiner Familie Quartier für eine Nacht. Ich war angerührt von der Atmosphäre dieser Wohnung, die man typischerweise durch eine sich auf jeder Etage um den Innenhof ziehende Galerie erreicht. Ja ich fühlte mich, als hätte ich ein Märchenreich betreten und wunderte mich zugleich, warum es mir so erging.

Ich war, ohne mir dessen sofort bewusst zu werden, in eine andere Zeit und in eine andere Sphäre zurückversetzt. Seit ich als Schriftsteller eingeladen werde, bin ich in Hotels untergebracht. Und selbst bei privaten Reisen ist das nicht anders, bestenfalls mietet man sich mit der Familie in einem Ferienhaus ein. Bei meinen ersten Budapest-Besuchen jedoch hatte ich immer in irgendwelchen Wohnungen gewohnt. 1979, mit sechzehn, als ich zum ersten Mal Budapest sah, wohnten wir in Buda in einem ähnlich schönen Haus und bezahlten, weil die Forints viel zu knapp waren, mit Bettwäsche. An diese Besuche aber hatte sich immer eine Art Traum von einem anderen Dasein geknüpft. Ein Teil dieses Traumes war auch immer ein Zipfel vom Westen gewesen, den man hier als Ostdeutscher zu erhaschen meinte. Das Hilton erschien mir stets wie ein Ufo, etwas Unglaubliches, das eigentlich gar nicht für mich erreichbar sein sollte – und es auch nicht war, aber immerhin konnte man hinein und über die Teppiche gehen und sich auf das Marmorklo setzen.

Aber es war viel mehr als der Westen, es war der Süden, der uns in der Markthalle und in jedem „Selbstbedienungsladen“ begegnete. Und es war die Ahnung von etwas, von dessen Existenz ich erst Anfang und Mitte der Neunziger Notiz nehmen konnte, was aber in einem Buch wie Franz Fühmanns 22 Tage oder die Hälfte des Lebens indirekt aufschien: Eine unvergleichliche Literatur, unvergleichliche Filme, unvergleichliche Musik. Ich habe damals sogar versucht, ungarisch zu lernen. Das erschien mir die verlockendste unter den östlichen Sprachen zu sein. Es war aber auch die Anmutung eines vergangen Lebens, das man in dieser höflich altertümlichen Form nirgendwo mehr in Ostdeutschland finden konnte. Als schiene in den Budapester Antiquariaten und den Gesprächen auf Budapester Parkbänken oder in Budapester Bädern eine ganz andere Welt anwesend zu sein.

Was ich sagen will: In diesen traurigen schönen Stunden, die dem Abschied von Péter Esterházy galten, wurde mir auch klar, dass Wilhelm Droste jenen Traum, den ich folgenlos mit mir herumgetragen hatte, bis er mir abhandengekommen war, tatsächlich lebte, ja seit beinah drei Jahrzehnten lebte. Wilhelm war nach Budapest gegangen, nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen! Und er hatte hier, so erscheint es zumindest dem Beobachter, in jeder Hinsicht sein Glück gefunden. Und dabei weiß ich erst seit wenigen Monaten, welch eine begnadete Regisseurin mit uns am Frühstückstisch gesessen hat.

Sollte Bewunderung – die ja für den, der freundschaftlich bewundert, auch immer eine Genugtuung ist, weil etwas gelungen ist – für eine Aufnahme in die Festschrift ausreichend sein, so würde mich das freuen.