Kinga Tóth

 

Notizen aus dem Turm

Die Stadtschreiberin meldet

 

1. Alte Glocken, Akkordeon und Ameisen

 

Das erste Mal ist es Ende Januar. Ich und meine Kollegin/Freundin Sonja Hornung schlüpfen in der Küche des katholischen Studierendenheims in bunte Leggings, über unsere Köpfe aber ziehen wir gestrickte Haarbänder, dank meiner Mutter, die den Winter mit dem Stricken von Haarbändern und Ohrenschützern in immer wilderen Farben zubringt, da ich einmal zufällig erwähnte, meine Ohren würden frieren. Ich stelle für Sonja eine Fitness-Schachtel zusammen, mein Parfüm hatte einen sehr chicen goldenen Karton, in diesen gelangen das Haarband, der Apfel, die Vitamine und das Stretchband. Als wir unsere eigene Offenheit im Hinblick auf die Mode schon ausreichend getestet haben, machen wir uns über die Zinsendorfergasse auf den Weg. Der Spar ist schon geöffnet, die Beamten in ihren Lackschuhen drehen sich nach uns um („Ach, bestimmt Künstler, sie gehen ja zum Forum!“).

 

Der Forum Stadtpark ist für mich das Herz der Stadt, Styria-Skulpturen, Frauen mit Schlüsselanhängern, Springbrunnen und das weiße Gebäude mit den riesigen Scheiben, wo Sonja gestern in einer orangefarbenen Uniform und ich mit einem Einkaufswagen, scharf gemacht mit einem Kabelbündel, die Gemüter erregten, vergebens der Zaun, die Barriere inspiriert uns beide ganz ausgezeichnet. Unser Ziel ist auch heute der umzäunte Pavillon, an dem die Renovierungsarbeiten längst abgeschlossen sind, doch die Bevölkerung der Stadt und vor allem die dort überwinternden Obdachlosen dürfen den Ort trotz allem nicht benutzen, strengstensverboten, betreten, hinlegen, alles verboten. Was kann man mit einem Zaun anfangen, was ist die richtige Form des Protests … das geht uns durch den Kopf, bevor ich die Metallstangen zu Instrumenten erkläre und wir dann am frühen Morgen die Stretchbänder durch sie ziehen, dann soll uns dieser Zaun eben verbinden, auf zum Sport!

Es ist Mai. Ich brauche keine Ohrenschützer mehr, doch mein Zopf bleibt, jetzt aber putze ich mich heraus, denn ich werde im großen Saal der Alten Universität beim Europatagsfest über Grenzen, Zäune, über Kultur und Offenheit sprechen, heute ist der Europa-Tag, 2004 ist Ungarn durch das Tor Europas getreten. Am Morgen halten der Dichter Aleš Šteger und ich ebenfalls im Forum einen Workshop für Schüler ab, sie sind aus allen Teilen der Welt nach Graz gekommen, sprechen neben Deutsch mindestens zwei andere Sprachen, das verbinden wir, fertigen Text- und Klangteppiche an und erzählen dabei, bei der Vorstellung herrscht Aufregung, wir müssen lachen, so gelangt auch das in den Teppich, es ist erlaubt, laut zu sein, ist erlaubt zu lachen!

 

Jetzt sitze ich über dem Herzen, weiß gar nicht, was der Uhrturm sein soll, ob der Kopf oder das Auge der Stadt, jedenfalls luge ich zwischen Baumästen und Eichhörnchen hervor, das kleine rote und das bräunlichere (angeblich gibt es auch ein drittes) sind meine ständigen Partner, der Akkordeonspieler und die alten Glocken. Sie sind meine Zeitrechnung, ich wache über den Köpfen, dennoch etwas im Magen des Berges. Es ist unmöglich L. die Pakete aus der Hand zu nehmen, mit G. laufen sie Meter vor mir, so viel zur Fitness vom Januar, ich höre mein Keuchen, wie ich mich auf der rutschigen Treppe zum Fuß des Uhrturms hinunterschleppe, durch einen anderen Zaun, dann weiter hinunter und rechts. Will ich der Stadt begegnen, wird das jeden Tag so sein, habenochnichtgezähltwieviele Stufen hinauf, dann mit dem Aufzug in den Märchengang, oder weitere sehrsehrvielestufenundabhänge hinunter. In der ersten Woche habe ich eine Liftkarte (auch das steht einer Stadtschreiberin unter anderem zu), hinunter ausschließlich zu Fuß, wenigstens das. Durch die Nase ein, durch den Mund aus, nach zehn Atemzügen achten wir nur noch auf die Nase, haben die schlechten Gedanken ausgeatmet, alles wird still, ich breche in Schweiß aus, die schneidigen Rentner gehen trällernd vorbei, an mir, hinauf. Was für ein Wachturm wird so aus mir … doch der Zaun ist geöffnet, auf dem zweiten Foto ist das zu sehen, auf dem ersten zeige ich verantwortungsvoll den Schlüssel der Stadtschreiberwohnung, danach stehe ich an der freien Zauntür als Victory.

 

Auf meiner Spüle hat sich indessen eine Ameisengesellschaft aufgebaut, es gibt die Schlepper, die Ratlosen, die Sammler und die Schamhaften, vorerst beraten sich diese vier Gruppen von Zeit zu Zeit, und da ich mir schon lang den Orden für die Meisterin des Naturschutzes angesteckt habe, kann ich sie nicht einfach so liquidieren, zuerst komplimentiere ich die anwachsende Bande hinaus und sprühe erst dann alles mit Ameisenspray ein. Darauf bin ich nicht stolz, aber hier ist der Wald, schließlich ist das ihr natürlicher Lebensraum, so ziehe auch ich jetzt eine Giftgrenze um meine Spüle, wie einfach das doch ist … Um mein Gewissen zu erleichtern, lege ich meinen Eichhörnchen, die jährlich ihre Schriftstellerfreunde wechseln, ein paar Haselnüsse und Walnüsse hin. Dabei sehe ich, dass das Ameisenvolk einen Krisenstab einberufen hat, die verschiedenen Kasten und Minigesellschaften, die Vierergruppe sowie die Schwarzen und die Roten und die Mischlinge diskutieren die neue Lage, die fremde Kraft, die neue Gefahrenquelle auf zwei Beinen. Sollen wir sie hereinlassen, dulden oder ihr in der Nacht die Haut zerbeißen, als Einheit auftreten und diesen auf und ab laufenden, mit sich selbst redenden Eindringling akzeptieren, denn eigentlich krümelt er recht viel mit seinen Reiswaffeln herum, das kann uns noch zugutekommen, im Winter heizt er auch sicher, so wie die anderen. Bei einer anderen Versammlung diskutiert eine ähnliche Bande eine ähnliche Situation, konservative schwarze Krawattenträger und ein paar bunte Flecken beratschlagen, wer wohl diesseits und wer jenseits der Schwelle steht, und wenn diesseits, welche Regeln sich dann auf das gleichgestellte Zusammenleben beziehen. Der Anwesende meiner Gruppe (?) hat schon leichtere Tage gesehen, starrt ausdruckslos vor sich hin, während die Roten, die Sammler, die Sparsamen aufzählen, wo der Betrug in dem großen Gesellschaftsspiel stattfindet. Die kleine Ameise seufzt laut im Turm und der Akkordeonspieler, der Meister des Timings, stimmt an: dieliebeisteinspielmitdemfeuer, bei dem man sich sehr leicht das Herz verbrennt, gonggonggong.

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador