Zoltán Danyi – Der Kadaverräumer

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora

Suhrkamp / Insel 2018

 

Zoltán Danyi, 1972 in Senta/Jugoslawien geboren, studierte Philosophie und Literatur in Novi Sad und Szeged. 2003 debütierte er als Lyriker und veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten. Er promovierte 2008 über Béla Hamvas und war Lektor und Hochschullehrer. Für seinen ersten Roman Der Kadaverräumer wurde er mit dem Miklós-Mészöly-Preis ausgezeichnet. Danyi, ein Angehöriger der ungarischen Minderheit in Serbien, lebt als Rosenzüchter in Senta.

 

 

Die Rede war von fünf toten Füchsen, die an der ungarisch-serbischen Grenze auf der Straße lagen. Als die Männer vom Räumkommando dort ankommen, sind es Dutzende Kadaver, auch Hunde und Katzen – erschossen, wie sich herausstellt, von Grenzposten, die sich die Zeit vertreiben wollten. Der Krieg auf dem Balkan ist lange vorbei, dennoch sind es Erlebnisse wie diese, die den Erzähler in seine Vergangenheit zurückstoßen.

Im Garten einer Berliner Klinik, in der er gestrandet ist, um seine quälenden Verdauungsprobleme loszuwerden, holt ihn die Musik eines Kusturica-Films ein, und er bricht in Tränen aus, „vielleicht, weil sie an die Oberfläche brachte, wovor er gerne weggelaufen wäre, jene alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahre, die einfach kein Ende nehmen konnten oder wollten, die immer noch andauerten“.

Wer ist dieser Erzähler, der in einem reißenden Redestrom zwischen den traumatischen Schauplätzen seines Lebens hin und her taumelt? Einem Kadaverräumkommando angehörte, das einmal eine ganz andere Aufgabe übernommen hatte? Ist er Opfer, Täter? Ein Überlebender, der im Sprechen Heilung sucht?

Der Jugoslawienkrieg und sein Nachleben haben Zoltán Danyi nie losgelassen – fast zwei Jahrzehnte lang scheiterte er an dem Versuch, eine monströse Realität einzufangen, die ihn selbst fast verschlungen hätte. Eines Tages war der Ton da – ein Sound, der einen beim Lesen bezwingt. Der Text schillert wie die Oberfläche eines verseuchten Gewässers. Schicht für Schicht wird sie abgedeckt. Ein Buch, gebaut wie ein komplexes Musikstück, dessen Schönheit Distanz und Berührung gewährt.

 

Leseprobe

 

1 Die Erde bebte, sagte er, oder es waren nur die Beine, die ihm zitterten, in Berlin lief er den ganzen Tag nur hin und her in den Straßen, seit Tagen lief er nur hin und her, er fing am Morgen an und blieb nicht stehen, bis spät in die Nacht, höchstens kurz, um beim Türken was zu essen, danach machte er weiter, ging auf und ab und kehrte erst in der Nacht in die geliehene Wohnung zurück, tief in der Nacht, kochte sich eine Portion Getreidekaffee und setzte sich vor den Fernseher, aber in den Nachrichten war keine Rede von einem Erdbeben, dabei bebte sie, er spürte seit Tagen, dass sie zitterte, vor dem Fernseher schlief er natürlich sofort ein, und als er wieder aufwachte, war der Getreidekaffee kalt.

 

2 Der Pfleger verstand vermutlich kein einziges Wort von dem, was er sagte, er war ohnehin schon wieder rausgegangen, er war also allein im Zimmer, er lag auf dem Bett, und um ihn herum war alles weiß, das Bett, der Stuhl, der Boden und die Wände, und auch das Fenster war weiß und die Gitter am Fenster, draußen nieselte es oder hatte gerade aufgehört, und ein Militärflugzeug zog am Himmel vorbei, aber es kann auch sein, dass er es sich nur eingebildet hatte, denn wenn er zu Hause nicht schlafen konnte, dann ging er am Donau-Ufer spazieren, und dabei kam es häufig vor, dass Jagdflieger im Tiefflug über ihn hinwegdonnerten, und der Himmel zitterte, wie ihm jetzt die Knie zitterten, wobei schon das allein ein Wunder war, dass sich diese klapprigen serbischen Jagdmaschinen überhaupt in der Luft halten konnten, sagte er zum Pfleger, der gerade wieder hereinkam, einen weißen Becher auf den Nachttisch stellte und wieder hinausging, und er schaute sich eine Weile nur den Becher an, starrte das weiße Schränkchen an, bis ihm einfiel, wo er stehengeblieben war, und fortsetzte, dass ihm ab da völlig klar war, dass er ein weißes Heft brauchte, denn ein großer Plan begann sich in seinem Kopf abzuzeichnen, er war also nicht wegen der Wandschmierereien und auch nicht wegen der tief donnernden Jagdflieger losgegangen, sondern wegen der weißen Hefte, sagte er und nahm den Becher in die Hand und trank einen Schluck von der süßen Plörre, aber der Pfleger möge das nicht missverstehen, er habe nicht etwa ein Problem mit blauen oder schwarzen Heften gehabt, nein, auch wenn das jetzt ein wenig verworren klinge, denn er könne ihm glauben, das wird auch noch klarer werden, er hatte sich das Ganze schon zu Hause fein säuberlich zurechtgelegt, und dann war es beschlossen, dass er nicht länger in Serbien bleiben konnte, es waren also nicht die Wandschmierereien, nicht die fliegenden Wracks und nicht der erstickende Gestank, die ihn vertrieben hatten, sondern die weißen Hefte, denn wenn er es auch nicht verhindern kann, den Verstand zu verlieren, wenigstens mit dem Leben davonkommen möchte er, und da bleibt einem nichts anderes übrig als ab nach Amerika, sagte er und trank noch einen Schluck, stellte dann den Becher wieder auf dem Schränkchen ab und sah durch die vergitterten Fenster hinaus in den grauvioletten Himmel … zum Beispiel wie der Papst, sagte er dann, denn das fiel ihm auch noch ein, er hatte das einmal vor langer Zeit im Fernsehen gesehen, dass der Papst sich nach jeder Flugreise auf die Knie niederließ und die Erde küsste, genauer gesagt den Asphalt der Startbahn, und genau so hatte er es sich auch vorgestellt, sagte er, wenn er es einmal schaffen würde, nach Amerika zu gelangen, dann würde er sich genauso auf die Knie werfen und den Asphalt von LaGuardia oder JFK küssen.

 

3 Er wollte nichts verpassen, deswegen sah er sich Sky News an, sah sich jede Stunde die Nachrichten und die Vorortberichte an, aber nie im serbischen Fernsehen, denn das serbische Fernsehen war der Krieg selbst, sagte er, für Sky News musste man anfangs nicht einmal zahlen, die Kabelanbieter vor Ort hatten nämlich den Code geknackt und strahlten sämtliche westlichen Sender umsonst aus, so dass er auch die Beerdigung des Papstes live verfolgen konnte, was schon etwas heißen will, denn laut Sky News war das die im Laufe der Geschichte bislang größte Zusammenkunft von Herrschern und Präsidenten und Staatschefs, sagte er, und mit diesem Ergebnis ließ Johannes Paul II. Leute hinter sich wie Winston Churchill und Josip Broz Tito, die auf diese Weise ex aequo nur auf den zweiten Platz kamen, und der Nächstplatzierte wäre bestimmt Ayrton Senna gewesen, hätte man nicht die gelbe Fahne geschwenkt.

 

4 Er fuhr bis zur ersten Tankstelle in Szeged, tankte den gepimpten Mercedes voll und fuhr gleich wieder zurück, und er war schon in der Nähe der Grenze, als es im Radio Kossuth hieß, dass Ayrton Senna in Imola einen Unfall erlitten hatte und mit dem Helikopter ins Krankenhaus nach Bologna geflogen wurde, aber seine Verletzungen waren so gravierend, dass ihn die Chirurgen nicht mehr retten konnten, sagte er zum Pfleger, die Achse des abgerissenen Reifens hatte sich in Sennas rechtes Auge gebohrt und trat hinten über dem Nacken wieder aus dem Schädel aus, ihn ließ die Formel 1 natürlich kalt, und wenn er mal in das eine oder andere Rennen hineinschaltete, langweilte er sich nach wenigen Minuten, also traf ihn Sennas Tod auch nicht besonders, aber aus irgendeinem Grund hatte er dennoch das Gefühl, dass diese Minute noch wichtig werden würde, und tatsächlich, Sennas Unfall ist seitdem zu einer Art Fixpunkt der Geschichte geworden, eine mehr oder weniger sichere Landmarke, die einem hilft, sich in diesem Irrgarten zurechtzufinden, sagte er, und wenn wir schon dabei sind, fügte er hinzu, wäre es gut zu wissen, ob sich der Papst für die Formel 1 interessierte, ob der Papst sich wohl die Übertragungen angesehen hatte, und wenn ja, ob der Papst Sennas Unfall an jenem Tag im Mai sah, schließlich ist Imola nicht so weit weg vom Vatikan, und wer weiß, wo mehr gebetet wird, auf der Rennstrecke von Imola oder im Vatikan, jedenfalls musste der Papst irgendwie über Sennas Unfall informiert worden sein, wenn sonst nicht, dann aus den Abendnachrichten, vorausgesetzt, diese werden im Vatikan geschaut, aber warum sollte man nicht, der Vatikan ist bestimmt ein Abonnent von Sky News, natürlich ein richtiger Abonnent, nicht wie die Kabelfritzen aus Novi Sad, sagte er, die Nachricht vom Tod des brasilianischen Rennfahrers ist also bestimmt bis zum Papst gelangt, der ein Gebet für ihn sprach, und es kann auch sein, dass der Papst ausgerechnet in jenen Minuten ein Gebet für Senna sprach, als er mit dem bis zum Rand vollgetankten Mercedes an der Grenze ankam und sich einreihte hinter einem Kombi mit deutschem Kennzeichen, der vollgestopft war mit türkischen Gastarbeitern.

 

5 Emerson Fittipaldi und Nelson Piquet, diese Namen fielen ihm ein, Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet und Alain Prost, weil nämlich die Aufkleber im Dreierpack verkauft wurden, die man dann in ein Album kleben konnte, aber man musste sehr viel davon kaufen, um das Album vollzukriegen, denn manchmal gab es zwei oder sogar drei gleiche Bilder in einem Pack, und so hatte man von manchen zwanzig, dreißig Stück und von anderen gar keins, eine Lösung wäre also gewesen, das ganze Taschengeld für Formel-1-Aufkleber auszugeben, was natürlich nur theoretisch möglich war, denn zum einen hatten sie nie so viel Geld, um es ganz und gar für Aufkleber ausgeben zu können, andererseits wäre diese Methode wegen der sich wiederholenden Bilder sowieso nicht zielführend gewesen, deswegen blühte der Tauschhandel auf, und das war die zweite Lösung, die überflüssigen Bilder untereinander zu tauschen, und die selteneren Bilder wurden dabei ziemlich schnell aufgewertet, es gab welche, die für einen Nelson Piquet bis zu zehn Fittipaldis verlangten, aber so konnte man wenigstens auf Nummer sicher gehen, und jeder bekam das, wofür er bezahlt hatte, und wenn es jemandem nicht einmal so gelang, das Album vollzumachen, dann gab es eine dritte Lösung, denn neben dem Tauschhandel hatte sich auch eine Art Geschicklichkeitsspiel entwickelt, genauer gesagt eine Art Mix aus Geschicklichkeitsspiel und Glücksspiel, bei dem es darum ging, dass zwei Spieler jeweils mit der Bildseite nach unten zwei Bilder auf den Boden legten, und dann musste man auf diese Bilder so draufschlagen, dass sie von der Saugkraft der Handflächen vom Boden hochgehoben wurden und sich in der Luft drehten und mit der Bildseite nach oben wieder auf den Boden fielen, und gewonnen hatte der, dem das bei beiden Bildern gelang, und da dieses Spiel meist auf der Straße gespielt wurde, waren die Bildchen bald schmutzig und zerknittert, aber es war immer noch besser, einen dreckigen Aufkleber ins Album zu kleben, als den Platz dafür leer zu lassen, sagte er.

 

6 Um die Wahrheit zu sagen, sah er sich nie ein Formel-1-Rennen zu Ende an, weil er sich nur für Krimiserien interessierte, er könnte also im Grunde sagen, dass er mit amerikanischen Krimiserien groß geworden ist, mit Columbo und Kojak, sagte er, diese beiden mochte er am liebsten, den Typen im Trenchcoat und den Glatzkopf mit dem Lollie, und natürlich In den Straßen von San Francisco, das mit der schönen großen Brücke losging, mit der Golden Gate, diese Serien wurden natürlich spät in der Nacht gesendet, und so lange durfte er nicht aufbleiben, aber am nächsten Vormittag wurden sie immer wiederholt, so dass er keine einzige Episode versäumen musste, und obwohl diese Serien immer vom Gleichen handelten, von Raub oder von Mord oder von einer Kombination aus beiden, wurde er ihrer nie überdrüssig, so wenig wie jener amerikanischen Filme, die sie in den Kinos brachten, Star Wars oder Space Odyssey, und jedes Mal, wenn er am Kino vorbeiging, sah er sich die Plakate an, ans Plakat von Manhattan kann er sich zum Beispiel auch jetzt noch deutlich erinnern, dieses Plakat blieb aus irgendeinem Grund besser in seinem Gedächtnis haften als alle anderen, es kann also sein, dass auch das etwas mit dem Luftbrücke-Plan zu tun hatte, den er bereits erwähnt habe, sagte er zum Pfleger, aber macht nichts, wenn er sich nicht mehr daran erinnere, er werde später sowieso noch darauf zurückkommen.

 

7 Die Türken zogen jedes Jahr mindestens zweimal durch Serbien und Ungarn, einmal am Anfang des Sommers, wenn sie nach Hause, in die Türkei fuhren, und ein zweites Mal Ende August, wenn sie auf dem Weg zurück zu den Deutschen waren, die ungarischen und serbischen Wege waren also im Grunde den ganzen Sommer über voll mit türkischen Gastarbeitern, und wenn ein ungarischer Türkenschläger oder ein serbischer Held des Mittelalters ausgerechnet da wiederauferstanden wäre, hätte er stante pede einen Herzinfarkt bekommen, wenn er gesehen hätte, wie unbehelligt die Türken im ganzen Land herumbrausten, und tanken wollte natürlich jeder Türke in Serbien, denn in Serbien war der Kraftstoff billiger, also war die Tankstelle, an der er arbeitete, den ganzen Sommer über voll mit Türken, sagte er, und in seiner Vorstellung knabberte er an einer Möhre, während es draußen wieder zu regnen anfing oder seit Tagen gar nicht mehr aufgehört hatte.

 

8 Früher, sagte er, habe er sich auch mit Kraftstoffschmuggel beschäftigt, eine Zeitlang konnte man davon ganz gut leben, auf der ungarischen Seite tankte er voll, rollte mit dem vollen Tank über die Grenze und lieferte auf der serbischen Seite die Ware ab, sagte er, sie hatten den Tank eines verbeulten alten Mercedes ein bisschen umgebastelt, damit doppelt so viel Kraftstoff reinpasste, und danach schmuggelte er jahrelang mit diesem frisierten Mercedes den Kraftstoff von Ungarn nach Serbien, oder, wie man es damals nannte, nach Klein-Jugoslawien, wo es wegen des Embargos keinen Kraftstoff gab, und in den ersten Jahren des Krieges lebten viele vom Kraftstoff-Schwarzhandel, an der ersten Tankstelle in Szeged tankten sie voll und fuhren nach Serbien zurück und verkauften dort das Benzin und das Petrol für den doppelten Preis, so einfach war das, auf der ungarischen Seite volltanken, auf der serbischen die Ware verticken, zumindest anfangs, denn später legte die Mafia ihre Hand auf den Kraftstoff und die Dinge änderten sich, sagte er, aber egal, am Anfang des Krieges konnte man mit Benzinschmuggel ziemlich gut verdienen, besonders wenn man pro Tag drei- bis viermal fuhr, und es gab welche, die nicht nur den Tank vollmachten, sondern auch Mineralwasserflaschen, die sie dann in jedem erdenklichen Winkel des Autos versteckten, und andere gingen noch weiter und leiteten im Gras versteckt mehrere Kilometer lange Plastikschläuche über die grüne Grenze und ließen über diese den Kraftstoff von Ungarn nach Serbien sickern, und sie konnten mit diesen kleinen Tricks jahrelang die ungarischen Grenzer ausspielen, oder die Grenzer waren für eine entsprechende Beteiligung mit eingeweiht, aber es wurde nicht nur Benzin von Ungarn nach Klein-Jugoslawien verschoben, sondern auch Salami, Frischkäse und Margarine, Kaffee, Schokolade und Seife, Schlüpfer, Unterhosen und auch Zahnbürsten, und damals musste man bereits vier bis fünf Stunden an der Grenze warten, denn immer mehr widmeten sich dem Schwarzhandel, und das lange Warten machte jeden nervös, ihm zum Beispiel verkrampfte sich wegen der Nervosität der Magen, er konnte nicht mehr richtig essen, er knabberte den ganzen Tag im Wagen nur noch an Möhren herum, stand an der Grenze mit dem alten Mercedes und knusperte an den Möhren, sagte er, und da konnte er nicht mehr vier- bis fünfmal am Tag fahren, maximal zwei- oder dreimal, und so war es gar nicht mehr so ein gutes Geschäft, und schließlich erschien die serbisch-ungarische Mafia auf der Bildfläche und fing an, die Leute zu organisieren, und wer auf eigene Rechnung arbeiten wollte, hatte es immer schwerer, die aber für sie die Ware verschoben, überquerten die Grenze in regelrechten Kolonnen außerhalb der Reihe wie die Diplomaten, denn von da an hatten nicht mehr nur die Grenzer, sondern vermutlich auch die lokalen Politiker ein Interesse an der Sache, aber egal, da will er sich nicht einmischen, sagte er, und er habe nur so viel erzählen wollen, dass man damals wegen des erhöhten Verkehrsaufkommens acht oder zehn Stunden an der Grenze warten musste, während die Kraftstoffschmuggler der Benzinmafia um die Reihe herumfuhren und wie die Diplomaten außerhalb der Reihe unterm Schlagbaum durchfuhren, was ziemlich ärgerlich war, sagte er, aber bald wurde auch er aufgesucht, und erst erklärte man ihm nur mit schönen Worten, was es für Vorteile hätte, wenn er für sie arbeitete, da er aber nicht gleich umfiel, drohte man ihm, und als sie auch damit keinen Erfolg hatten, wurde er eines Tages von Motorradrockern unterwegs aufgehalten, irgendwo, noch auf der ungarischen Seite, und diesen Jungs auf den Motorrädern ist es dann gelungen, ihn zu überzeugen, dass er viel besser daran täte, den Kraftstoff in Zukunft für sie zu verschieben, und von da an musste er nicht mehr in der Reihe an der Grenze stehen, er überholte die anderen Autos zusammen mit den Benzinschmugglern, und der graue Jäger stand am Wegesrand und sah ihnen nur zu, und das war es, was er erzählen wollte, diesen grauen Jäger, der in der rostroten Abenddämmerung am Rande des Weges stand, wenn der Rand des Himmels aufreißt und es so aussieht, als würde ein Fuchs dort herauskriechen, sagte er zum Pfleger, im Grunde wollte er darüber reden, nicht über das Benzin, aber egal. 9 Amerika war natürlich, zumindest von Serbien aus gesehen, das Unmögliche an sich, von Serbien aus wäre er also nie nach Amerika gekommen, darauf würde er Gift nehmen, da er sich lange Zeit noch nicht einmal vorstellen konnte, dass er von Serbien jemals zum Beispiel nach Wien oder Berlin kommen könnte, sagte er, Serbien oder wie man es damals nannte Klein-Jugoslawien wurde während der Kriege wirklich immer kleiner, immer enger, immer käfigartiger, zu den Ungarn oder den Rumänen kam man noch, um Zahncreme, Socken, Margarine zu kaufen, aber weiter zu kommen erschien völlig unmöglich, zumindest für ihn, denn es reichte schon, wenn er an Wien oder Berlin dachte, schon begann ihm schwindlig zu werden, als würde er in einem Keller leben oder in einem Erdloch und der bloße Gedanke ans Licht würde ihn schon umwerfen, Amerika also, das war Mission Impossible an sich, nach Amerika zu kommen schien undenkbar zu sein, als hätte er in die Kindheit zurückgewollt, sagte er, wobei die Kindheit irgendwann für alle verloren geht, aber am meisten verlieren sie doch diejenigen, die mit der Kindheit auch das Land verlieren, in dem sie aufgewachsen sind, und Jugoslawien ging vollständig im Sumpf unter, als wäre es nie dagewesen, also sucht er in letzter Zeit in diesem Sumpf nach etwas, an dem er sich festhalten könnte, wie zum Beispiel am Plakat von Manhattan, und da er in seiner Kindheit so viele amerikanische Filme gesehen hatte, tröstete er sich jetzt damit, dass er vielleicht gar nicht in Jugoslawien, sondern in Amerika aufgewachsen war, und tatsächlich, in letzter Zeit begann sich ein seltsames Heimweh nach Amerika in ihm zu regen, und er dachte, wenn er schon gehen muss, warum sollte er nicht gleich mit dem Schwierigsten anfangen, doch Amerika, das schien beinahe unmöglich zu sein.