Damit uns die Erinnerungen nicht flöten gehen …

 

Dreißig Grad und dann sechs, ich muss Socken kaufen, am Abend habe ich goldene und silberne Socken im Schaufenster gesehen, ich will noch keine Stiefel oder Sportschuhe anziehen, ich trage sie zu meinen Sandalen und fertig, so etwas gibt es doch nicht, gestern war es noch Sommer und jetzt „ist in einigen Teilen Österreichs am Morgen mit Frost zu rechnen“. Sandalen mit Socken kommt einer Revolution gleich, ich habe das noch nie ausprobiert, aber vom Berg hinab sind das meine besten Schuhe, rutschfest, ich gebe der modischen Straße, was ihr gebührt, uns aber gebührt Laibach. Das ist vielleicht nicht der beste Übergang, doch mir geht die Revolution durch den Kopf, an die der Steirische Herbst fast alle seine Veranstaltungen geknüpft hat.

 

Ich habe eine richtige Schriftstellerwohnung, doch meine alte nomadische Lebenweise lässt mich natürlich nicht völlig los, zwei Tage Berlin, zwei Tage Prag, eine Performance hier, ein Workshop und ein Vortrag da, natürlich während des Laibach-Konzerts. Mein Kalender ist ein buntes Kästchensystem, der September ist lila und ich kreise mit Rosa ein, wenn ich unterwegs bin, unter den Kringel schreibe ich die Veranstaltung, die ich mir in Graz anschauen würde, wäre ich nicht gerade irgendwo. Die eine ist Laibach, Laibach, die ich schon seit sehr langem mag, deren Whistleblower unser White Palms (Film von Szabolcs Hajdu, 2006.) ist, unsere Turnstunde, unsere Kindheit. In den Artikeln heißt es, das Hauptmotto des hiesigen Steirischen Herbstes sei der Protest von Künstlern aus dem Osten gegen den westlichen Faschismus. Auch die neue Programmdirektorin ist eine Dame, die aus Russland stammt, sie bietet den außergewöhnlichen Aktionen einen Platz in der Stadt.

Ich sehe mir auf einem Video an, wie ein japanischer Künster versucht, Nazi-Reliquien von Leuten einzusammeln, die auf dem Hauptplatz umherspazieren.  „Sie sorgen sich über den Hut ihres Nazi-Opas, der immer noch auf dem Dachboden liegt? Ich komme Sie besuchen und entsorge alle ihre Relikte.” Dieses Jahr fand in Berlin die Premiere des Films Waldheims Walzer statt, in dem sich die Regisseurin mit ähnlichen unaufgearbeiteten Ereignissen auseinandersetzt. Haben wir tatsächlich mit der Vergangenheit abgerechnet? Wie „ansteckend” ist Opas Herbsthut? Werden wir aus Opfern zu Mitwirkenden und dann zu Loslassenden, kann man bei null anfangen, wie kann man menschlich bleiben?

 

Mit Esther Dischereit stelle ich indessen in Berlin ähnliche Fragen, ihr Buch Blumen für Othello fasst die Anschläge auf Türken durch die NSU, die Morde zusammen, Dokumente, Gerichtsprotokolle, Interviews und Gedichte. Letztes Jahr traten wir auf Englisch und Deutsch in Denver auf, dieses Jahr schließen wir uns das erste Mal auf Deutsch und Ungarisch der Grazer Revolution an. Ich komme zu spät zur Straßen-Performance von Vera Hageman, komme zu spät zur Filmvorführung der Buharov-Brüder, schreibe eine ganze Seite in meinem Notizheft zusammen, wo ich zu spät komme, jetzt bin ich schon da, komme aber zu spät zur Buchpräsentation von Andreas Unterweger, weil ich mich mit meinem Nachbarn Ammar T Khadour zu einer Jesus-Tour aufmache und wir uns verirren und alles verrutscht. Wir spazieren am Flussufer entlang, die Luft ist frisch, deshalb lasse ich das Pflichtturnen an dem Tag ausfallen, und Ammar sagt, er kenne noch einen Berg hier, nicht nur wir hätten einen. Meine Sandalen rutschen auf den Steinen, die Tarnkleidung ist prima, doch zum Glück werde ich gerettet, so falle ich (vorerst) nicht in die Mur.

Der Jesus-Berg (so heißt er nicht, sondern Grazer Kalvarienberg ) ist wie der Berg Golgota, zuerst in einer Kapelle eine trauernde Gruppenszene, dann bis zum Gipfel des Berges über eine sich schlängelnde Steintreppe hinauf zu den drei Jesussen. Natürlich ist nur der eine der Erlöser, die zwei Schächer starren uns aber mit demselben Jesus-Gesicht an, Ammar fragt, wie sich die Geschichte eigentlich zugetragen habe, woraufhin ich auf Englisch versuche zusammenzufassen, na, du weißt, der eine bereut seine Sünden, der kann upstairs gehen, der andere, der nicht, geht downstairs. In der Mitte der in Gold gegossene Jesus, mit ihm zusammen starren wir auf die Stadt hinab, während wir gerade nach Parallelen in den Religionen suchen. Solche religionsgeschichtlichen Bergsteigertouren müsste man organisieren, wo man auf einer dritten Sprache, mit Händen und Füßen eine gemeinsame Story schreiben könnte, mir wäre die gemeinsame Freude als Religionsprogramm am liebsten, glaube ich.

Zum Glück bin ich mit den als utopistisch verpönten Gedanken nicht allein, nach dem Prager Musikprogramm SHAPE platze ich in eine Grazer Veranstaltung hinein, in den obligatorischen Grazer Impro Klub am Monatsende, der Gast heute ist Manu Mayr. Wir spielen, Patrick Wurzwaldner ist der Chef, und die Regel lautet, dass du, wenn er dir auf den Rücken schlägt, auf die Bühne gehst, so entstehen neben den gewohnten Gruppen spontane Formationen, Ende Januar konnte ich schon gemeinsam mit seinen Leuten in Graz singen, jetzt bin ich eigentlich nur als Zuhörerin gekommen, doch seine große Hand landet auch auf meinem Rücken, so kann ich zusammen mit Patrick (Schlagzeug) und Manu (verzerrte Gitarre) das Konzert eröffnen. Es folgen verschiedene Sets, eines besser als das andere, Instrumente, Objekte, Jazz, Noise, unglaublich aufregende und witzige Vocals lockern diese Woche voller Fragen und Opa-Hüte.

 

Eine der Sängerinnen kommt jetzt mit einer Flöte, sie flötet zart, tolerant und ruhig achtet sie auf die anderen, besser könnte diese Etappe gar nicht schließen, nach den marschierenden Pfeifen, den kämpferischen Socken und den vielen Revolutionen diese zarte, in mehreren Tönen erklingende, murmelnde, singende Flöte hier im Forum Keller.

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador