László Márton -- Die Überwindlichen

 

RANITZDRUCK NR. 22

Ein Roman zu Karl Kraus

Erstveröffentlichung

Edition Thanhäuser

 

 

Der neue Roman Két obeliszk / Die Überwindlichen von László Márton mit den Holzschnitten von Christian Thanhäuser ist eine österreichisch-ungarische Parallel-Aktion. Thanhäuser und Márton suchten sich die Gestalt von Karl Kraus aus, um eine gemeinsame Arbeit – den Roman des ungarischen Autors mit den Holzschnitten des österreichischen Graphikers – zustandezubringen. Die Parallelität zeigt sich auch darin, daß Thanhäuser die tschechische und die schweizerische Lieblingslandschaft von Karl Kraus, den Schloßpark Janovice und den Berg Tödi zu gleicher Zeit verewigte, und daß Márton den Roman gleichzeitig in zwei Sprachen, auf Deutsch und auf Ungarisch schrieb.

Leseprobe

 

László Márton

Die Überwindlichen

Auszug aus dem Roman

 

Sidis Lieblingsstute ist eine Rotbraune. Sie heißt Agave wie die Mutter des Königs Pentheus in den Bakkhantinnen des Euripides. Aber Sidi nennt sie, auch in Karl K.s Anwesenheit, fast immer Mama oder Mamachen. Sie verbringt viel Zeit mit dem Tier. Es gibt einen Kutscher und einen Roßknecht in Janowitz, die die übrigen Pferde betreuen, aber Agave darf von Bochumil und Jaroslaw erst umsorgt werden, wenn das hochwohlgeborene Fräulein unterwegs ist.

Sie striegelt die Stute mit eigener Hand. Das Striegeln des Fells ist für die Pferde wichtig, weil es nicht nur ihr Fell reinigt und den Tieren eine gepflegte Erscheinung verleiht, sondern auch die gesunde emotionale Bindung zwischen dem Pferd und dem Menschen unterstützt.

Sie selbst kratzt die Hufe der rotbraunen Stute aus. Sie beginnt am hinteren Teil des Hufes, vereinfachend gesagt, an der Ferse und kratzt nach vorne, wo ein Mensch die Zehen hat. Dabei braucht sie keine Angst zu haben, sie wurde bisher kein einziges Mal von Agave getreten. Sie entfernt sorgfältig alle Kieselsteine und Holzsplitter, manchmal, nach einer großen Gesellschaft, auch Korkstückchen. Sie achtet darauf, daß die Furchen auf beiden Seiten des Strahls, dieses V-förmigen elastischen Teils am Huf mit einer weichen Bürste vorsichtig gesäubert wird, weil das Pferd am Strahl sehr sensibel sein kann.

Auf Schorfe, Bremsenbisse und Vespenstiche trägt sie Vaseline auf.

Sie entfernt die Kletten, die Lehmklumpen und den restlichen Dreck aus dem Schweif mit einer groben Scheuerbürste, wobei sie darauf achtet, womöglich am wenigsten Schmerz dem Tier zu verursachen, obwohl Agave, selbst wenn Sidi mehrere Haare zugleich aus dem Schweif herausriß, bisher noch nie mit dem Hinterhuf ausschlug. Für die Mähne verwendet sie einen Hornkamm mit dünnstehenden Zähnen.

Während dieser Betätigungen redet sie unaufhörlich zu Agave. Wenn sie manchmal, meistens nach einer Frage, doch eine kurze Pause hält, dann tut sie, als ob sie auf Anwort wartete. Sie erzählt dem Tier, wie der Haushalt steht, und daß einer der Pächter, ein gewisser Herr Scheliwski (oder doch lieber Želivsky) nicht pünktlich zahlen kann oder will, daß es dem Bruder Charlie, Gott sei Dank, gut geht, er will Raps- und Leinöl in größerer Menge produzieren, und daß im Zimmer der Mutter die Möbel und andere Sachen noch genauso stehen wie zu ihrer Lebzeiten.

Den ebenfalls anwesenden Karl K., der während der ganzen Pferdepflege kaum beachtet wird, verwundert Sidis Redefluß.

„Sind Sie, verehrte Baronesse, sicher, daß das Tier all das, was Sie ihm erzählen, auch versteht?”

An manchen Stellen, wie zum Beispiel in der Gartenlaube oder im kleinen Torpedo-Wagen unterwegs, duzen sie sich. Woanders, so auch hier im Pferdestall, wird wegen des Personals die Sie-Form verwendet.

„Sind Sie, Herr Redakteur, sicher, daß Agave ein Tier ist?”

Na freilich! Sie ist doch ein Tier! Bisher hatte nur Jonathan Swift behauptet, und zwar als Satiriker aus leicht durchschaubaren Gründen, daß Pferde dem Menschen überlegen sein können.

„Frau Agave, Sie sind doch kein Mensch, Sie sollen ein Tier sein. Oder?” Die Stute könnte jetzt den Fremden beißen, und dann würde Karl K. blau Flecke am Oberarm tragen, aber sie tut das nicht. Sie wendet nur den Kopf ab, verärgert und verächtlich.

Es gibt auch einen alten Hengst im Stall, er heißt Tschiko (oder doch lieber Chico, manchmal auch Csikó). Das Wort bedeutet auf Ungarisch Fohlen, auf Spanisch Knabe oder Junge. Wenn Sidi ihn mit „Csikó papa” anredet, dann formuliert sie das komische Oxymoron „Väterchen Fohlen”, und „Padre Chico” klingt nicht weniger komisch. Er ist dreißig Jahre alt, bei den Pferden Greisenalter, aber er funktioniert als Zuchthengst immer noch tadellos.

Vor dem Decken muß der Schlauch des Hengstes gereinigt werden. Man muß die angesammelte Auscheidungen und abgeschuppte Hautreste entfernen. Erst jetzt versteht Karl K., warum sich Sidi am Vortag die von allen Maniküren gepriesenen muschelförmigen Fingernägel abschnitt. Das männliche Glied des Pferdes ist höchstempfindlich, und es ist nicht ratsam, bei der Arbeit Handschuh zu tragen, denn der Hautkontakt ist nötig, um die etwaigen Geschwüre und Geschwülste abzutasten. Sidi selbst trägt den Eimer mit lauwarmem Wasser, den weichen Schwamm und die Pferdeiseife aus Kokosfett in den Stall. Der Herr Redakteur will ihr beim Tragen helfen, jedoch muß er eine andere, wichtigere Hilfe leisten: Er muß am Kopf des Hengstes stehen und den Zügel halten, damit Tschiko nicht wegläuft. Es ist ratsam, ihn „Herr Hofrat” zu nennen, dann beißt er nicht und wendet auch den Kopf nicht ab.

Herr Hofrat... Herr Hofrat... Herr Hofrat...

Mindestens zwanzigmal spricht Karl K. diese Benennung nicht aus. Wieso denn? Was soll das alles? Was will Sidi ihm einreden? Sollte er glauben, daß die verstorbenen Eltern das irdische Dasein im Pferdekörper weiterführen? Ist es ein Scherz oder eine Wahnvorstellung von Sidi? Die Volksmärchen, in denen unsere Angehörigen in Tiergestalt leben, sind doch seit den Brüdern Grimm wissenschaftlich verwertet und in die Textausgaben verbannt!

„Du kannst ihn auch schrubben und striegeln, um ihn zu beruhigen, während ich die Drecksarbeit verrichte!”

Sie dutzt ihn schon wieder und nimmt dabei vulgäre Ausdrücke auf den Mund. Was die Sache anbelangt, ist die Arbeit, die Sidi ausführt, tatsächlich dreckig. Sie schiebt die Schlauchtasche mit der linken Hand vorsichtig zurück, während sie mit dem Schwamm in der rechten Hand den Schlauch reinigt. Sie spült den restlichen Unrat mit dem Wasser ab. Der Schlauch des Hengstes beträgt im ruhigen Zustand vierzig bis fünfzig Zentimeter, aber Tschiko ist nicht mehr ruhig, und das erregte Glied ist in den letzten fünf Minuten auf das Zweifache angeschwollen.

Karl K. wendet den Kopf ab.

„Du alter Esel, bist du etwa eifersüchtig?”

Da ist schon wieder das Phänomen Fremdheit: ein Esel zu sein im Pferdestall.