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Győző Horváth: We can’t go out
 

Győző Horváth: We can’t go out

 

LICHT IM DUNKEL, BILDER GEGEN DEN BETRIEB

 

 

Diese Fotos sind weit mehr als Lebensdokumente eines beliebten Cafés im jüdischen Viertel, das für gewöhnlich vor allem gegen Mitternacht sein maximales Betriebstempo erreicht. Kisüzem heißt der Laden am Klauzál Platz, Kleinbetrieb, eine charmante Untertreibung für das, was hier täglich geschieht. Das Café hat das Glück, was früher Könige hatten, es verfügt über einen eigenen Hoffotografen: Győző Horváth, der weit über 3000 Lebensbilder dieses Betriebes mit seiner Kamera festgehalten hat. Wie ein aufmerksamer Jäger fixiert er den Moment, da sich in der Gestik und dem Gesicht eines Gastes das volle Leben spiegelt und zu strahlen beginnt. Häufig stehen schöne Frauen im Fokus der Fotografie, deren Schönheit aber noch übertroffen wird vom Zauber des Augenblicks, in dem sich das Schöne gerade eben vollendet entpuppt.

 

Gelegenheitsgedichte gehören zu den schönsten Geschenken der Weltliteratur. Goethes Faust hat es ausgesprochen, was für ihn das größte Glück bedeuten würde: „Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch! Du bist so schön.“ Goethes beste Werke verdanken sich solchen Augenblicken, Momenten des Lebens, die urplötzlich große Sprache freisetzen. Die Fotos von Győző Horváth sind Gelegenheitsaufnahmen, Geschenke des Augenblicks, doch bei genauerem Hinsehen ist es bei ihm wohl eher der zweite Blick, der eine ganz besondere Schönheit offenbart, die die Oberfläche durchdringt und aus der Tiefe kommt. Der Porträtierte wird herausgelöst aus aller Gesellschaft und erscheint im Schutz seiner unantastbaren Einsamkeit. Hier wird die Bar Kisüzem in den Nachtstunden trotz heftigen Kneipenbetriebes dann doch wieder zu einem Café, das der schönen Definition von Alfred Polgar erstaunlich gerecht wird: „Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, dazu aber Gesellschaft brauchen.“

Fotografie, gerade auch die Jagd auf Porträts von Menschen, die häufig kaum wissen, dass sie eben fotografiert werden, ist immer auch eine Form des Voyeurismus. Hier aber schlägt der Porträtierte zurück, er genießt einen besonderen Schutz durch die von der Fotografie geschenkte Einsamkeit. Eher der Betrachter wird entblößt, nicht aber die Mensch im Mittelpunkt der Bilder. So sehen wir starke Gesichter und entschiedene Gesten gegen den Geist der Zeit. Erfrischende Bilder gegen die lähmende Müdigkeit. Noch in den Gesten der Traurigkeit steckt eine tiefere Zuversicht. Budapest ist voller Gegenwelten. Hier schauen sie uns mit Selbstbewusstsein in die Augen.

Wilhelm Droste

http://gy-wecantgoout.tumblr.com/

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