György Ferdinandy

Auf Fortunas Rad – Novellen

Aus dem Ungarischen von Gabriel Maria Trischler

Tredition 2018

 

Am Anfang seiner literarischen Laufbahn schrieb Ferdinandy Gedichte, Skizzen (Croqis) und Feuilletons. Seine eigene Stimme fand er im Band Die Rede des Universitätsprofessors Nemezió Gonzáles an die Tiere des Schwarzwaldes (1970): Er benutzt die modernen westeuropäischen Strömungen, besonders den Surrealismus und die Möglichkeiten des französischen „neuen Romans“. Ferdinandy wählt seine Zeithorizonte frei: Ungezwungen springt er zwischen Motiven des Traums und der Wirklichkeit. Seine Narration wird durch poetische Beschreibungen und schnellläufige Dialoge charakterisiert. Seine Geschichten sind mit Erinnerungsfragmenten aus Budapest, dem Elsass und Puerto Rico durchwebt, gerne benutzt er die Möglichkeiten des Irrealen und des ästhetischen Kommentars. Mit lebendigen Farben beschreibt er seine exotische Umgebung, mit Ironie betrachtet er sein westeuropäisches Leben und mit elegischer Stimme verabschiedet er sich von seiner Jugendzeit. Im Mittelpunkt dieser Jugendjahre stehen selbstverständlich die erlebte Revolution von 1956, die Flucht, der Versuch, in der westlichen Welt eine neue Heimat zu finden. In seinen neueren Erzählungen beschreibt er mit Ironie und Wehmut die Möglichkeit und Unmöglichkeit der Rückkehr in die alte Heimat, nach vierzig Jahren Abwesenheit.

 

Leseprobe

 

Zu einem solchen Trip nach Paris musste ich meine Frau nie extra überreden.

Als am Ende des Ersten Weltkriegs die Entente cordiale nach Budapest einmarschierte, behandelte mein Großvater den Sohn des Generals Gamelin. Er meißelte seinen Schädel auf, damals gab es keine Antibiotika.

Nach dem Abzug der Besatzer blieben die Familien noch einige Zeit in Kontakt. Als ich vor sieben Jahren nach Paris kam, erkundigte sich der alte General nach meinem Großvater, den – da zwischenzeitlich ein weiterer Weltkrieg getobt hatte! – die Alliierten unterdessen vernichtet hatten.

Meine Mutter konnte diese Begegnung kaum noch erwarten. Vielleicht stellte sie sich es so vor, dass die Gamelin Familie uns helfen würde. Ich wusste es damals schon besser. Aus solchen Hoffnungen kam erfahrungsgemäß ein großer Sack unbrauchbarer Altkleider heraus.

Der Sohn des Generals, Jean, war irgendein Generaldirektor. Weniger hätte er nach den ungeschriebenen Regeln des Bürgertums kaum sein können. Offensichtlich befasste er sich mit dem Verlagswesen: Während das Abendessen serviert wurde, fragte er mich über die Widrigkeiten des Buchhandels aus.

Nach dem Essen zogen wir in den Salon.

– Was sagen sie zu Ihrem Sohn? – fragte dieses schädeloperierte Kind meine Mutter. – Er überlebt selbst auf einer Eisscholle! – fügte er begeistert hinzu.

Mtter wurde an jenem Abend gesprächiger. Als mein Bruder mich besuchen wollte – erzählte sie –, wurde er von der Polizei vorgeladen. Sie wollten ihn überreden, Berichte über mich zu schreiben.

– Warum kam er nicht? – grinste ich. – die Berichte hätte ich für ihn geschrieben.

– Du kennst deinen Bruder nicht! – antwortete Mutter.

Als er ablehnte, wurde ihm gedroht. Mutter wusste nicht genau, was vorgefallen war, aber mein Bruder – erzählte sie – wäre danach länger krank gewesen.

Die zwei Frauen, Clo und die Frau von Jean, zogen sich schon zurück. Clo erzählte später, dass die Gamelins ein Kind adoptiert hatten. – Sie beneiden uns – sagte sie, und wir mussten darüber lachen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Generaldirektor wegen irgendetwas neidisch auf mich sein könnte.

Wir übernachteten im Quartier Latin, Mutter blieb bei den Gamelins. Als ich sie am nächsten Tag abholte, übergab mir der Hausmeister das obligatorische Altkleiderpaket.

Wir fuhren nach Hause. Ich trank und sang. Clo machte belegte Brote. Ich mochte diese Reisen. Von hier nach dort zu fahren und während der ganzen Nacht ertönte aus dem Radio Jazz.

Ich kannte die französischen Landstraßen gut: Ich hatte auf allen Fixpunkte. Zum Beispiel trank ich zwischen Paris und Strasbourg immer einen Kaffee in Ligny. Es gab ein Dorf in der Nähe, das mir s äter auch öfter einfiel: Void. Als es mich dann in die Tropen verschlug, stand auf meinem Flugticket anstelle der Rückfahrt dieses Wort.

So ging dieser Besuch zu Ende. Ich begleitete meine Mutter zum Bahnhof. Ich war beladen, wie ein Maulesel. Vor der Abreise gab Clo auch ein Kleiderpäckchen mit. Zuerst wollte ich Mutter nach Basel fahren. Früher fuhr ein Schnellzug zwischen Basel und Budapest. Aber dann ging mir das Benzin aus, es war billiger, die Bahnkarte von Strasbourg aus zu lösen.

Am Bahnsteig übergab sie mir einen Umschlag. Den Bauplan eines Hauses.

– Wir haben es uns so vorgestellt – sagte sie leise –, wenn du nach Hause kommst, baust du das auf.

– Wir hätten es besprechen sollen! – murmelte ich.

– Besprechen! – begann sie weinen. – Ich konnte nicht ein einziges Mal mit dir ruhig sprechen!

Aus meinem Zimmer räumte der Wirt das Zustellbett schon weg. Mutters Gepäck lag verwaist auf dem Teppich. Die Geschenke. Auf jedem Päckchen war penibel vermerkt worden, wem es zugedacht war.

Ich saß auf meinem Bett, schaute die zackigen Buchstaben meiner Mutter an, und es fiel mir ein, dass dies das gewesen wäre, woran ich nie teilhatte. Dass es die Amnestie nur drüben gab. Bei mir gab es sie nie und es wird auch nie Gnade geben.

 

Aus dem Ungarischen von Gabriel Maria Trischler