Die Nacht gehört den Liebenden

 

Ich bin im Keller, kenne diese Stufen, weiß, wo der Schalter ist, aber jetzt bleiben wir im Dunkeln und in der Stille, eine gummiartige Membran trennt uns von einer anderen, einer untermenschlichen Welt, es ist die Natur nach dem Anthropozän, wo der verbliebene und veränderte Mensch sich verzweifelt an die von ihm Beherrschten zu klammern versucht, sich Schwimmhäute wachsen lässt und zu schwimmen lernt, die andere Haut ertastet, erstreichelt, seine eigene ist noch nicht schleimig genug, doch Flossen wachsen ihm schon, seine Haare sind in der neuen Umgebung welliger, in den Augäpfeln brennt anfangs das Salz, doch dann beruhigen sich die wässrigen Kugeln, so wie auch die Lunge ihren Bedarf an Luft überwindet, das ist bereits das postapokalyptische Atlantis, wo die pflanzlich-tierisch-menschlichen Überreste eine Liebesbeziehung eingehen. (Alex Deutinger, Marta Navaridas, Christoph Szalay: OCTOPUS)

 

Wir sind leicht wie die Luftballons oben, stützen einander, Buntes Europa, ob wir wohl auch über der Erde gemeinsam so farbenfroh bleiben (Europäischer Tag der Sprachen, Graz, 27. September 2018 http://www.europa.steiermark.at/cms/beitrag/12682585/133319713/), ob wir uns wohl in den vielen Sprachen verstehen oder allesamt in einem Plastiktütenozean untergehen und vierzigjährige Milchtüten unsere Haut ersetzen?

 

Während ich das europäische Sprachentoto auf dem Grazer Schlossplatz ausfülle, tauchen in Budapest die bislang verborgenen Schätze der seichten Donau auf, Schiffswracks und Milchtüten bedecken die Kiesel, aus ihnen wird die Membran, wie dort im Grazer Keller, in den noch tieferen Wasserschichten. Nachts, wenn die Luftballons der Stadt die Luft ablassen, sammelt die Mur die Gummiteile zusammen, so wie die Raab, so wie die Donau, und die neuen Arten kleben sie dann mit ihren Körpersäften zu einem großen Vorhang zusammen, dahinter tanzen die beflossten Menschenfische, das ist unsere Nacht, die Nacht der Liebenden, der bunten Luftballons, doch wollen wir sie vorher noch steigen lassen, hoch in die Luft, und tanzen, hinauf in die oberen Schichten, vorher soll Europa noch bunt sein und bleiben, wir haben noch ein wenig Zeit, bevor wir im Wasser untertauchen.

 

Vielleicht gelingt es auch oben, uns aneinanderzuklammern, die Haut kennenzulernen, die Haut des anderen, sich nicht nur an Nylon und Gummi festzuhalten, dort unten haben wir sowieso keine Wahl: die Liebe, die wir nicht erreicht haben, können uns jetzt neue Arten bringen, sie lassen uns wieder an sie glauben, sie kommt mit Wassermutanten, mit neuer Atmung, (The Monkees-I'm a Believer, singt Christoph Szalay im Octopus), hoffnungsvoll können wir zu den Ballons und den Kindern aufsteigen, sie schwimmen dann schon sicher glücklich, sehen das Innere der Schiffswracks und das Kunststoffgranulat ernährt sie, es gibt ein Weiter. https://www.youtube.com/watch?v=c_BcivBprM0

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador