Schweigeübungen

 

Márton Simon: Rókák esküvője [Fuchs-Hochzeit]

 

Péter Esterházy sagt an einer Stelle, er stimme sich – vor dem Schreiben – mit dem Lesen von Gedichten auf die Sprache ein. Obwohl die Lyrik in den Worten reise, die Prosa aber zwischen den Worten, sei dies für ihn dennoch eine ausgezeichnete Einstimmung. Der Band Fuchs-Hochzeit von Márton Simon würde Péter Esterházy in dieser Hinsicht bestimmt überraschen. Dieser ganz besondere Lyrikband wohnt nämlich nicht in den Worten, bewegt seine reibungslosen sprachlichen Aufzüge nicht innerhalb dieser, sondern unternimmt den entschlossenen und ausdauernden Versuch, die Auslassungen, Implikationen und Assoziationen derart organisch an die ausgesuchten Worte zu fügen, dass im Hintergrund auch ein anderer, viel weiter gefasster und vollkommenerer Text aufzuleuchten vermag. Das Muster ist Saulus von Miklós Mészöly: die eigenartigen Dialoge mit dem Rabbi Abjatár, in denen immer wieder neue Fragen gestellt werden, es jedoch nie eine Antwort gibt. Und gerade durch die nicht ausgesprochenen Sätze bekommen diese Gespräche eine derart starke und strahlende Atmosphäre. Lauter Mitteilungen, ohne einen einzigen Satz. So gelangt man am Ende nicht nur von A bis C, sondern von A irgendwohin jenseits der Andromedagalaxie, in Gottes Finger. Und das ist, wenn es in einem Gedicht gelingt, (hier zitiere ich Márton Simon aus einem seiner Interviews:) eben saugut.

 

Die Frage aber ist, wie er das macht, wie er das zu einem Teil des Gedichts macht, was nicht dort geschrieben steht. Wie sich die nicht niedergeschriebenen Sätze schreiben. Es gibt viele große Gedichte in diesem Band. Jetzt will ich nur den Schluss des vorletzten als Beispiel anführen.

 

Schweige so, als hätte man dir anvertraut,

ihn im Mund hinüberzutragen,

den einen Ozean in den anderen

Den einen Ozean in den anderen

im Mund hinüberzutragen.

 

Die Gedichte von Márton Simon sind radikale Umschreibungen: der auszudrückende, doch unmittelbar nicht benennbare Begriff und die angewandten sprachlichen und rhetorischen Konstruktionen stehen in einer äußeren oder inneren, tropusartigen Beziehung zueinander. Meist lässt er seine Periphrasen, wie in diesem konkreten Fall, nicht dort stehen, lässt er den philologischen, neuschreibenden Charakter seiner Umschreibungen nicht immer sichtbar werden, doch macht die Reihe seiner gnadenlosen Antonomasien den Rezipienten zum Dichter. Zum Ende des Bandes wirst auch du wissen, welches die bessere Variante ist. Den einen Ozean in den anderen / im Mund hinüberzutragen. Das ist schöner. Du hörst es innen. Die explizite Entfaltung dieser Funktion ist am Ende des Gedichts Elalvó [Der Einschlafende] genau zu finden: Und auch Wörter habe ich keine mehr, nur das eine / in meinem Magen, / in dem samt Verpackung verschluckten, / ungeöffneten / Glückskeks.

 

So sieht es aus. Und deswegen haben wir keine andere Wahl: Das Péter Horváth Stipendium erhält 2018 der Lyrikband Fuchs-Hochzeit von Márton Simon. Wir gratulieren ihm ganz herzlich!

 

László Szilasi

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

 

Péter Horváth Stipendium

 

In diesem Jahr wurde das 2013 gegründete literarische Stipendium zur Förderung junger ungarischer Schriftsteller zum sechsten Mal vergeben. Ziel des Péter Horváth Stipendiums für die junge ungarische Literatur ist es, die begabtesten jungen AutorInnen, die bereits regelmäßig publizieren, im besagten Jahr einen neuen Band herausgegeben haben und nicht älter als 35 Jahre sind, zu fördern, ihnen die Möglichkeit zu bieten, ein Jahr in Ruhe arbeiten zu können, sie zum Schreiben neuer Werke anzuspornen sowie eine Herausgabe ihres erschienenen Werkes in Deutschland zu unterstützen.

 

Das finanziell bedeutendste Stipendium zur Förderung der jungen ungarischen Literatur wurde von Prof. Dr. Péter Horváth, dem Begründer von Horváth & Partners mit Sitz in Stuttgart, dem mit der Auszeichnung Pro Cultura Hungarica für seine Vermittlung und Verbreitung der ungarischen Kultur in Deutschland und dem Ungarischen Verdienstorden prämierten Mäzen, ins Leben gerufen.

 

Die Summe des Stipendiums beträgt netto 6.000 Euro. Die prämierten SchriftstellerInnen erhalten darüber hinaus ein weiteres Stipendium in bedeutender Höhe von der Akademie Schloss Solitude sowie dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB) sowie die Möglichkeit zu einem jeweils einmonatigen Arbeitsaufenthalt in Stuttgart beziehungsweise Berlin.

Erhalten haben das Stipendium bislang: Dénes Krusovszky (2013), Réka Mán-Várhegyi (2014), János Áfra (2015), Orsolya Bencsik (2016) Péter Závada (2014) und Márton Simon (2016).

 

Mitglieder des Kuratoriums sind Lajos Parti Nagy, Tibor Keresztury und László Szilasi.

 

Die fachlichen Kooperationspartner des Stipendiums sind die Akademie Schloss Solitude (Stuttgart), das Literarische Colloquium Berlin und das ungarische Literaturportal litera.hu (Budapest).