www.HuBook.de
Lajos Grendel
 

Lajos Grendel:

Und sein Reich wird kommen (Ausschnitt)

 

(Die goldene Halskette)

 

Vor langer, langer Zeit wurde einmal mit mehreren anderen jungen Agenten auch Richard Wagner alarmiert, als gemeldet wurde, ein amerikanischer Spion hätte sich in eine der Provinzstädte eingeschlichen, um den Maiaufmarsch der Werktätigen zu hintertreiben. Der Spion hatte vor, so die Annahme, sich in die geschlossene Marschkolonne zu drängen, um diese von innen aufzulockern. Dem gefährlichen Kerl sollte schnellstens das Handwerk gelegt werden.

Richard Wagner fuhr also mit mehreren Kollegen aufs Land und stieg für einige Nächte im örtlichen Hotel ab. Zu jener Zeit war er noch ein gutaussehender, stattlicher junger Mann, er gab sich als Basketballspieler aus und trug über der fleischigen Oberlippe ein gezwirbeltes Bärtchen. Sie befragten jeden vertrauenswürdigen Genossen in der Stadt, Parteimitglieder und als Parteilose getarnten Genossen gleichermaßen. Sie durchkämmten die öffentlichen Lokale, Gasthäuser, Sportvereine, Kulturheime, alles. Sie suchten eifrig bis in die späte Nacht, und es zog schon die Morgenröte am Horizont auf, als sie das Haupt enttäuscht zum kurzen Schlaf betten konnten. Vergeblich waren alle Bemühungen, sie stießen selbst nach mehreren Tagen der erschöpfenden Suche auf keinen einzigen amerikanischen Spion. Dieser Umstand beruhigte die einheimischen Genossen keineswegs, und sie beschlossen, am Ersten Mai auf der Ehrentribüne sicherheitshalber eine kugelsichere Weste unter dem Hemd zu tragen. Auf das Tragen von Stahlhelmen verzichteten sie erst, nachdem ihnen Richard Wagner gut zugeredet hatte.

Agnes war Zimmermädchen im Hotel, und Richard Wagner räkelte sich noch im Bett, als sie eines Morgens frische Handtücher in das Zimmer brachte. Der Agent fühlte augenblicklich eine unwiderstehliche Begierde aufsteigen, die auf sein jugendliches Alter und die schwingenden Hüften des Zimmermädchens zurückzuführen war, und vielleicht auf den Frühling, dessen Herannahen selbst der durchtriebenste amerikanische Spion nicht hätte sabotieren können. Agnes wurde ihm wohl von der Vorsehung geschickt, um ihn mit der Wärme ihres zarten Körpers für die Sisyphusarbeit der Ermittlungen, die zu gar keinem Erfolg führten, zu entschädigen. Richard Wagner fackelte nicht lange und auch Agnes hatte nichts dagegen. Da die Dienstvorschrift eine Kontaktaufnahme zu Zimmermädchen durch keinen einzigen Paragraphen untersagte, durfte Richard Wagner dem Kommando seiner natürlichen Regung ruhigen Gewissens Folge leisten, soll heißen, er war der Situation durchaus gewachsen.

Da sich der amerikanische Spion derart versteckt hatte, dass sie ihn auch weiterhin nicht auffanden, verhaftete Richard Wagner den widerlichsten Kellner des Hotels, schon um nicht mit leeren Händen zurückzukehren. Der Kellner wurde im Büro so richtig verdroschen und dann nach Hause geschickt, zuvor hatte man ihm jedoch nahegelegt, in Hinkunft freundlicher zu den Gästen zu sein. Die Werktätigen konnten ohne Ruhestörung aufmarschieren.

Neun Monate später suchte Agnes den Agenten in Preßburg auf und teilte ihm mit, ihr gemeinsames Kind sei, nachdem sie längere Zeit Mutterfreuden entgegengesehen hatte, endlich geboren worden. Zugleich lud sie Richard Wagner zur Taufe des Kindes ein.

„Ich möchte, dass du entscheidest, welchen Namen ich dem Kind geben soll“, sagte Agnes.

Richard Wagner sagte nach einigem Grübeln und Brüten:

„Es soll Richard heißen.“

„Es ist aber ein Mädchen“, sagte Agnes empört.

„Ach ja, freilich“, besann sich der Agent. „Dann ist es egal. Nenne es wie du willst.“

Zur Taufe fuhr er dann doch noch hin, er konnte aus einigen Schritten Entfernung auch das Gesicht des kleinen Geschöpfes, seines Geschöpfes, begutachten. Ein regelrechter Richard, dachte er, wenn es kein Mädchen wäre, könnte ich schwören, es sei ein Junge. Freilich ist er nicht als glücklicher Vater erschienen, sondern als Tourist, der herumsteht und sich scheinbar für die bescheidenen Kunstschätze der Kirche interessiert. Zum Schluss der Zeremonie gelang es ihm, sich kurz an Agnes heranzumachen.

„Das soll der Kleinen gehören“, flüsterte er der jungen Mutter ins Ohr und ließ eine goldene Kette in ihre Hand gleiten. Damit betrachtete er die Angelegenheit seinerseits als erledigt.

Viele, viele Jahre später verschlug es ihn wieder in diese kleine Stadt, er stieg wieder im selben Hotel ab. Seit der Taufe dachte er das erste Mal wieder an Agnes und an ihr gemeinsames Kind. Wie mag es ihnen wohl gehen, sinnierte er und er schämte sich, dass er so lange nicht an sie gedacht hatte.

Da er anderentags auf einen trüben, frostigen Morgen erwachte, beschloss er noch ein wenig zu faulenzen. Es geschah wie vor achtzehn oder zwanzig Jahren, das Zimmermädchen überraschte ihn, wie damals Agnes. Ein molliges kleines Geschöpf mit lockigen Haaren, Richard Wagner aber geriet nicht mehr so rasch in Erregung wie seinerzeit, auch den Schnurrbart hatte er sich abnehmen lassen, als dieser zu ergrauen begann. Er musterte das Mädchen ohne jeden Hintergedanken vom Bett aus und der kalte Schweiß trat ihm erst an die Stirn, als er ihre Halskette erblickte. Es war genau die gleiche Kette! Kann aber auch sein, dachte er, dass mir mein schlechtes Gewissen einen Streich spielt.

„Wie heißt du denn, Mädchen?“ fragte er befangen.

„Georgine“, antwortete das Mädchen.

„Ein schöner Name“, spann Richard Wagner den Gesprächsfaden weiter. „Schön wie diese goldene Kette.“

„Die habe ich von meinem Vater bekommen“, sagte das Mädchen kühl. „Am Tag meiner Taufe.“

Richard Wagner steuerte einer ausgiebigen Ohnmacht zu.

„Du hast sicher einen sehr braven Vater. Was macht er denn so?“ fragte er aufgeregt.

Das Mädchen zuckte mit den Schultern.

„Was weiß ich? Ich habe ihn nie gesehen. Das war ein Haderlump, irgend so ein Agent oder so etwas. Es ist besser, dass er uns verlassen hat. Mit so einem Vater müsste man sich nur genieren.“

Richard Wagners Herz verkrampfte sich und einen Augenblick lang hasste er sich innig. Gern hätte er Georgine auf den Schoss genommen und gestreichelt, doch hätte das Mädchen dies zweifelsohne missverstanden, sich zu offenbaren hatte er jedoch nicht den Mut. Das Mädchen hatte anscheinend sein inneres Ringen bemerkt, denn es blickte ihn recht rätselhaft an.

„Weißt du, Georgine, Kleines, das ist so“, legte Richard Wagner mit einer dümmlichen Erklärung los, „das Leben der Agenten ist schwer. Sie müssen Tag und Nacht auf der Hut sein, und nichts als Feinde um sie herum. Du schlägst dem Feind einen Kopf ab, dafür wachsen ihm zwei nach. Das Leben der Agenten ist ständig in Gefahr. Das kann man gar nicht richtig bezahlen, nein, das kann man nicht.“

Hier hielt er schnell inne, denn er hatte auch so schon zu viel geplappert. Das Mädchen aber blickte ihn aus Rehaugen an, dieses Reh jedoch fürchtete sich im Moment vielleicht nicht einmal vor einem Wolf. Der unerschrockene Richard Wagner hielt diesem Blick nicht stand. Nach einer kurzen Pause fasste sich Georgine an den Hals, sie nestelte die Kette auf und überreichte sie dem Agenten.

„Ich schenke sie Ihnen“, sagte sie. „Mich stört sie nur, weil sie mich immer wieder an meinen gemeinen Vater erinnert.“

„Ich wurde auch von einem Stiefvater erzogen“, sagte Richard Wagner gerührt. „Den richtigen habe ich nie getroffen.“

Georgine war weniger gerührt, eigentlich gar nicht, und sie hatte auch von der Unterhaltung genug. Eine Zeitlang hantierte sie im Badezimmer, während dessen brannte die goldene Kette heiß in der Handfläche Richard Wagners. Im Gehen rief das Mädchen noch aus der Tür zurück:

„Ach ja“, sagte es, „ich hätt’ es fast vergessen. Mutter geht es gut, nur die Knöchel schwellen ihr ziemlich oft an. Und zugenommen hat sie ein wenig... Na, Gott befohlen!“

Richard Wagner verfiel nicht in Panik, er packte zusammen und sagte dem verdutzten Pförtner nur, als er ihm den Zimmerschlüssel überreichte:

„Ich ziehe um, in ein anderes Hotel.“

„Es gibt kein anderes Hotel in der Stadt“, eröffnete ihm der Portier.

„Auch dann“, antwortete Richard Wagner.

In diesem Augenblick kam ihm Georgine entgegen, beladen mit einem Haufen gebrauchter Bettwäsche und Handtücher. Als sie in die Nähe Richard Wagners kam, wandte sie den Kopf ab.

 

Aus dem Ungarischen von György Buda

Infos