Sterile Entzündung

 

Lass mich in Frieden. Ich drehe mich um, drehe mich zur Wand, wenn du mich berührst, schlage ich zu. Was bildest du dir ein? Dass du dir alles erlauben kannst? Du schreist, und dann erwartest du, dass ich weich werde wie deine Mutter, die dich am festesten umarmte, wenn du brülltest. Deine Mutter. Ich. Nicht.

Ich habe keine Tränen, mein Blick ist nicht verschwommen, ich sehe das Spinnennetz in der Ecke ganz klar. Es ist ordentlich und präzise gewebt. So wie die Sterne über den Himmel ziehen, sagst du immer. Gut, dass du das Netz nicht bemerkt hast, denn auch deswegen würdest du schreien, was das soll, dass ich heute nicht geputzt habe. Was hätte ich schon zu tun? Die Spinne in der Mitte ist kaum zu sehen, sie steht mit gespreizten Beinen in der Luft, auch sie dreht sich zur Wand, regungslos.

Du machst etwas hinter mir. Der Stuhl knarrt, nein, du trittst nicht dagegen, du setzt dich hin. Du lässt deinen großen weichen Hintern darauf nieder, wartest, schweigst, so wie immer. Ich versuche deinen Blick zu spüren, aber da ist nichts. Nur auf meinen Schultern fühle ich seine Kälte: sie kühlen aus. Sie fallen ein, genau wie du es willst. Als würdest du auf ihnen hocken, als würdest du meinen Kopf unter Wasser drücken. Damit ich ertrinke. Formbar und gefügig werde.

Die Wahrheit ist wie die Gravitation. Auch das sagst du immer. Und, dass ich sagen soll, dass du Recht hast. Denn es existiert nur eine Wahrheit. Ursache und Folge, Ursache und Folge. Von bis, dir wird Hören und Sehen vergehen. Es gibt kein Aus-der-Reihe-Tanzen, weder nach rechts noch nach links. Du bist dir deiner sicher. Meiner nicht.

Eins und eins, hast du gebrüllt, ist das klar? Wann kapierst du das endlich? Dass du in dem Kleid aussiehst wie eine Nutte, und wenn du so aussiehst, dann rechne auch mit den Folgen, und hier war deine Stimme voller eiskaltem Spott, eins und eins macht zwei, eine Fotze und ein Schwanz, logisch, oder? Das eine bedingt das andere, aber das begreifst du nicht, mit deinem mickrigen Hirn. Dir muss man es reinprügeln.

Ich betrachtete währenddessen deine Sandalen, die lachhaft nackten Füße unter deinen haarigen Beinen und dachte daran, sie zu bespucken oder reinzubeißen, aber dafür hätte ich mich hinknien müssen, einen Scheiß werde ich noch einmal für dich knien, nie wieder, nie, nie wieder. Ich hasse das Wort Fotze, gerade deshalb benutzt du es, damit ich mir gewöhnlich vorkomme. Titten, sagst du, und ich tausche mein T-Shirt gegen einen Pullover, Arsch, sagst du, und ich ziehe einen Mantel über, Nuttenschuhe, sagst du, und ich tausche sie gegen Ballerinas, hör nur endlich auf, hör auf. Einsundeins, einsundeins. Eins. Zwei. Ich zähle bis drei. Du ziehst das sofort aus. Hier, vor mir. So, dass ich’s sehen kann.

Auf wen bist du eifersüchtig? Nur der hinabrinnende Schweiß und deine geballten Fäuste verraten: auf jeden. Weil ich mit fremden Männern aufs Zimmer gehe, das sagst du immer. Aber nie vor anderen, daher weiß ich, dass es dir weh tut. Wenn du nur mich quälen wolltest, dann würdest du auch das deinen Kumpels erzählen, so wie du damit angibst, dass ich die Klappe halte, wenn du Klappe sagst. Da kann man die Stille förmlich hören, sagst du immer. Da bleibt der Furz in der Luft stehen. Auch das hasse ich, deshalb sagst du es. Und die anderen glotzen und lachen, weil ich rot werde.

Mit dem Kopf zur Wand, so stehe ich. Das Spinnennetz bewegt sich, wenn ich ausatme, dabei versuche ich, die Luft anzuhalten. Bestimmt atmet die Spinne auch, Fächerlunge, fällt mir ein, Hämolymphe. Vielleicht sieht sie mich sogar, sie dreht sich zur Wand und sieht mich trotzdem, dabei werfe ich nicht mal einen Schatten. Selbst wenn ich brüllen würde, könnte sie mich nicht hören.

Würdest du mich doch lieber schlagen. Mir eine runterhauen, wie du es versprochen hast. Dann würde ich dich verlassen. Ich verstehe nicht, warum du mich nicht anrührst, hast du etwa Angst? Du hast so zugenommen, dass ich schon von einem Stoß von dir hinfallen würde, und doch rührst du mich nicht an, du schreist nur, bist rot wie ein Krebs und aufgedunsen, als hättest du einen faulen Zahn. Wie ein brüllender Säugling, so siehst du aus mit deinem großen runden Glatzkopf, ich hasse und bemitleide dich, bemitleide dich und könnte dich umbringen. Wenn du betrunken schläfst, würde ich dir am liebsten ein Kissen auf den Mund drücken. Säugling, Säugling. Ein Niemand.

Wenn du nur zugelassen hättest, dass ich ein Kind bekomme. Wenn du mich nicht gleich in der ersten Woche persönlich zum Arzt gebracht hättest, damit sie mir das Kupfer in die Gebärmutter schieben. Sterile Entzündung. Darüber hast du gelacht, tut’s weh, hast du gefragt, ist steril, höhö. Als ob dich interessiert, was mir wehtut. Es tut weh, dass ich mit dreißig hier sitze und einen Erwachsenen betütteln muss. Einen fünfzigjährigen Säugling, der an mir hängt wie ein Klotz.

Mit dem Kopf zur Wand. Ich warte darauf, dass du etwas sagst, aber jetzt bist du natürlich still. Du wartest, dass ich einsichtig werde, das hast du zuletzt gesagt, du wartest, dass ich mit meinem Spatzenhirn endlich die einzige und ewige Wahrheit begreife. Dass jede Frau, die den Fuß vor die Tür setzt, eine Hure ist.

Wenn ich ein Kind hätte, aber warum auch ausgerechnet von dir, dann hätte ich erst recht einen Klotz am Bein. Es würde mich nicht mit Worten, nicht mit dieser erstickenden, Übelkeit erregenden Stille nach unten ziehen, sondern mit seinem gierigen Mund, den Augen, den Armen. Aber dann wäre ich natürlich wenigstens die Größere. Ich würde tun, was es will, damit es tut, was ich will. Das Kind würde wenigstens weinen, wenn ich mich wegdrehe. Warum weinst du nie? Vier Jahre lang, seit ich bei dir wohne, habe ich dich nie weinen sehen. Auch ich weine nicht, wenigstens das habe ich von dir gelernt. Die heiße Leere in der Lunge, die pochende Kehle, die verkohlte Schwärze der trockenen und brennenden Augenlider. Ich bin geduldig wie die Spinne. Wenn ich nur wüsste, worauf ich warte.

Erwartest du, dass ich um Entschuldigung bitte? Oder endlich zu fluchen anfange? Soll ich dich schlagen? Dich umarmen? Warum schweigst du? Warum schweige ich. Wenn mich mein Vater als Kind in die Ecke stellte, widersetzte ich mich, indem ich mit meinen Tränen die Wand beschmierte, die er mit seinen eigenen Händen für uns gebaut hatte. Ich weinte stumm und kratzte Löcher in den Putz. Ich stellte mir dabei vor, dass ich ihm die Augen auskratzte. Du starrst mir Löcher in den Nacken, du hast ein Loch in mich hineingestarrt, nur dafür waren all die Jahre gut, ich bin ein leeres Loch, nur du kannst mich füllen.

Auch meine Arbeit willst du mir nehmen. Damit ich keine fremden Männer treffe. Ich habe das nie erzählt, denn du hast nie gefragt, doch es kommen fast immer Frauen, gehetzte und verängstigte Frauen, die man aufheitern und ermuntern muss. Manche sind so wie ich, sie tun nur so, als würden sie leben. So etwas spüre ich und weiß, dass sie sowieso nicht allein entscheiden können. Das sind diejenigen, die am nächsten Tag ihren Mann mitbringen, der natürlich innerhalb von zwei Minuten alles regelt und dann die Autotür zuschlägt, aber ich höre noch, wie er drinnen mit seiner Frau schimpft, das sei alles Mist, und warum zum Teufel sie ihn überhaupt hergeschleppt hätte, ob sie denn nicht sehen würde, in was für einem Zustand das sei? Wie viel man da noch reinstecken müsste, na und wer wird das Geld dafür verdienen? Wer wohl?

Auch bei den Inhabern sind nie die Männer da, die Frau öffnet die Tür und führt mich herum. Sie tritt das liegen gelassene Spielzeug der Kinder diskret unters Bett und versucht zu erklären, sie würden das Haus nur verkaufen, weil sie im Ausland Arbeit bekommen hätten, aber meistens sehe ich, na, die lassen sich also auch scheiden. Und wenn zufällig doch Männer zur Besichtigung kommen, interessiert sie nichts anderes als die Wandstärke, der Sockel und der Heizkessel. Nur einmal kam es vor, dass einer im kahlen Badezimmer eines im Bau befindlichen Etagenhauses etwas gewollt hat, aber damals liebte ich dich gerade, und mir kam gar nicht in den Sinn, für das alles Rache zu nehmen.

Mir wird kalt, während ich hier stehe, nur im BH. Den Tanga hast du mich schon ausziehen lassen, was mir verdammt noch mal einfalle, schon wieder in so einem Fummel mit Spitze loszugehen, aber ich weiß, dass du nicht meinen Hintern anguckst, sondern mein Haar, dass ich dir zuliebe abschneiden und hinten kurz rasieren ließ. Mir läuft ein Schaudern über den Nacken, gleich trittst du hinter mich. Du umarmst und umschlingst mich, und mich lähmt wieder die Angst, dass du mich nicht liebst, wenn ich nicht nachgebe. Und ich werde es zulassen, aber diesmal nur, weil ich etwas weiß, das du nicht weißt. Dass ich die Spirale heimlich habe entfernen lassen. Gerade durch meine Wut werde ich fruchtbar sein. Die heiße Leere explodiert, und ich werde wieder leben. Wenn du fertig bist, werde ich dich nicht einmal ansehen, mich nicht umdrehen, sondern einfach gehen. Ich gehe nach Österreich oder Australien, total egal, denn wo ich auch sein werde, muss ich nur noch ein bisschen warten, um niemals wieder allein zu sein. Neun Monate halte ich irgendwie aus, neun Monate Stille.

Dieses eine Mal lasse ich es noch zu.

 

Aus dem Ungarischen von Sophia Matteikat