Wilhelm Droste

ADY, zum hundertsten Todestag

Budapest, 27. Januar 2019 Kaffeehaus DREI RABEN

 

Die Welt weiß nichts davon, Ungarn in seinem heutigen Zustand erst recht nicht, unter uns lebt in Sprache gegossen und überliefert ein Schatz, ein Grundstein im Fundament der Weltliteratur, wenn es eine solche denn überhaupt gibt: der ungarische Dichter Endre Ady.

Weltliteratur kann entstehen, wenn ein Text ein Geheimnis in sprachliche Schönheit zu bannen versteht, das unendlich persönlich, einzigartig und wahrhaftig ist, zugleich aber universal, für alle Menschen bedeutsam und klar. Hart wie Granit. Bezaubernd wie ein Edelstein. Beweglich wie Wasser. Notwendig wie das tägliche Brot.

Es ist nicht die beste Zeit, die Ungarn mit ihrem Dichter Ady allein zu lassen. Sie sind fähig, auch ihn in lauter Fetzen zu zerreißen. Nur ein verstümmeltes Bruchstück wird übrig bleiben von dem, was allein organisch und in seiner Gesamtheit schön und wahr zu sein vermag: der Gottsuchende und der Heide, der Revolutionär und der archaische Ungar, Paris und sein Geburtsort, das Dorf Érmindszent, das Dorfflüsschen Ér und der Ozean, der Westen und der Osten, der Krieg und der Frieden. Das Eine gilt nicht ohne das Andere. Ady hatte eine präzise Vorstellung davon, wie eine moderne, glückliche Heimat aussehen könnte: daher wurde aus seiner Beerdigung vor hundert Jahren eine nationale Wiederauferstehung. Die Bevölkerung Ungarns suchte 1919 nach einer würdigen Zukunft und es klopfte an die richtige Tür: Ady. Auch heute sucht sie danach, die Adresse ist richtig geblieben.

 

Glücklich bin ich darüber, dass unser Name kein Papiertiger bleibt, dass heute so viele Freunde Adys bei uns einkehren und das Kaffeekulturhaus Drei Raben mit Leben füllen. Als ich vor vielen Jahren den Ort des legendären Gasthauses Drei Raben auf der Andrássy Straße neben der Oper verloren habe, den ich als Café des Goethe-Institutes unter dem Namen Eckermann betrieben habe, da hätte ich nicht zu wagen gehofft, dass wir an anderer Stelle noch einmal eine Wiederauferstehung erleben könnten. Mit unserem neuen Lokal wollen wir auch Ady ein wenig umschulen, denn er war überall auf der Welt, vor allem in Paris und Nagyvárad (Großwardein) ein leidenschaftlicher Kaffeehausgast, nur in Budapest zierte er sich. Er wollte anders sein als Kosztolányi und Karinthy. Daher ging er lieber in dieses seltsame Gasthaus Drei Raben, wo es immer nach Fett und Fusel roch. Unser Ziel dagegen ist es, hier auf der Straße der freien Presse ein echtes Kaffeehaus auf die Welt zu bringen. Der Weg zu diesem Ziel ist lang. Die Institution Kaffeehaus ist in Budapest ausgestorben, nicht zuletzt auch der Menschentyp, der früher einmal ein Kaffeehausgast gewesen ist. Wir jedenfalls werden erst dann zufrieden sein, wenn Ady höchstpersönlich bei uns einkehrt und sich hier vergleichsweise wohl fühlt. Vor zwei Monaten hat uns István Jelenits, der Piaristenmönch und faszinierende Literaturlehrer, darüber aufgeklärt, dass Ady in seiner Gymnasialzeit in Nagykároly mit dem Gedanken spielte, Piarist zu werden. Jetzt haben wir immerhin erreicht, dass sein Lieblingslokal Drei Raben unter das Dach der Piaristen geraten ist.

Seit 1973, als ich mich in die Fotografien von Ady verliebt habe, ist der Dichter mein bester ungarischer Freund. Ich bin dankbar für seinen Rat, nicht weniger aber für die zu Sprache gewordene Ratlosigkeit. Er ist zu einer entscheidenden Kompassnadel meines Lebens geworden und befindet sich damit in der Gesellschaft von Rainer Maria Rilke und Friedrich Hölderlin.

Ich wünsche diesem Abend hier viel Erfolg, aber auch den vielen anderen Ady-Veranstaltungen im Drei Raben. Um neun Uhr zeigen wir den kaum bekannten Film des jungen András Jeles: Margita will leben. Am Montag wird Ádám Bősze in seiner Veranstaltungsreihe auch über Ady und Béla Reinitz sprechen. Am Donnerstag dann geht es um das frisch herausgekommene Tagebuch von István Király, der in diesem Gebäude gelehrt und gelebt hat, vor allem um sein Verhältnis zu Endre Ady.

Das alles soll nur ein Anfang sein. Arbeit also gibt es genug, und zwar nicht so knapp.

 

Endre Ady

 

Dichter der Hortobágy

 

Kumanenkind mit großen Augen

Von Gier gequält, Melancholie,

Macht er sich auf als Rinderhirte

Ins Pusztaland zum Hirtenvieh.

 

In Dämmerungen und Visionen

Hundertfach gespürt, erspäht,

Was immer aber wuchs in ihm,

Sein Hordenvolk hat es gemäht.

 

Gedacht hat er ganz wunderbar

An Tod, an Wein, an tausend Frauen,

Überall sonst auf dieser Welt

Ließen sich Lieder daraus bauen.

 

Doch sah er dann auf die Kumpanen,

Auf blöde, dreckige, verruchte,

Begrub er schnell die Melodie,

Pfiff vor sich hin oder er fluchte.

 

 

 

Vom Ér zum Ozean

 

Der Ér, ein seltsam müder Graben

Voll Sandschlamm, Gräsern, Löwenzahn,

Doch Kraszna, Szamos, Theiß und Donau

Schleppen auch ihn zum Ozean.

 

Bricht skythische Last auch auf mich ein,

Mag Fluch mich hundertfach ergreifen,

Und Nagetier den Deich durchwühlen,

Ich muss den Ozean erreichen.

 

Ich will, mich treibt mein dunkler Mut,

Zum Wunder, welches stolz verkündet,

Dass einer, der am Ér begann,

Im Ozean dann endlich mündet.

 

 

Nachdichtung von Wilhelm Droste