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Kinga Tóth
 

Kinga Tóth

Blue Monday

 

Fürchterliche Schlager rauschen in meinem Kopf, so wie bei einem Ohrwurm, den man nicht los wird, bis ein nächster (noch fürchterlicher) ihn auslöscht. Ich befinde mich im Magen des Berges, im Dom, das ist der linke Gang, daneben der übliche Einschnitt für den Lift, mit dem Metallgitterboden, dessen Scheppern bei jedem Schritt im Inneren des Doms widerhallt. Letzte Weihnachten habe ich dir mein Herz gegeben – ich hoffe, dass mir das Lied, wenn ich meinen Ohrwurm übersetze, aus dem Kopf flattert, ich die großen Weihnachtspullover mit hängenden Ärmeln, die Brosche und den melierten George Michael, die Hände zu Fäusten geballt, nicht sehe, wie er mit seiner imaginierten dauergewellten Liebsten die vergangenen Weihnachten beweint.

 

Im Dom wird indes das Licht ausgeschaltet und alles ist dunkel, da ist es umsonst Freitag, Blue Monday läuft, ein paar lilafarbene und blaue Neonlichter brennen nur und ich kann gerade in die Notenblätter des neben mir stehenden Klarinettisten sehen. Das Ensemble ist im Zuschauerraum verstreut, Grafiken, Anweisungen und Steine auf den Notenständern, auf der Bühne entfaltet sich eine an Filme von Péter Lichter erinnernde surreale Geschichte, Atombomben, ineinander verlaufende Tornados, die Scheinwerfer und die Streicher setzen auf ein Zeichen ein, der Pianist imitiert das Stampfen der Soldaten, dann beginnt das Orchester aus dem Publikum, mit Steinen orientieren sie sich, mit Klopfen lenken sie einander.

 

Bild: https://www.kug.ac.at/en/news-events/news/kug-whats-on/details/backto/81/article/ensemble-schallfeld-erhaelt-foerderpreis-des-bundeskanzleramts.html

 

Das erste Konzert des Grazer Ensembles Schallfeld nach Allerseelen im Bergmagen – https://www.schallfeldensemble.com/event/namphaise/ – arbeitet die Geschichte des Heiligen Namphaise auf, wie sich der Soldat Karls des Großen dem spirituellen Leben, dem „blinden Glauben” zuwandte. Namphaise begegnet bei seiner Wallfahrt des Öfteren der Finsternis, dem heulenden Heuschreckenschwarm, dem wilden Stier, dann erscheint auf der Bühne die größte Sünde, das Essen der gequälten, getöteten und gekochten Kinder, gefolgt von all den Stationen der Hölle, sie bewegen sich rundherum im Kreis, die Musiker klopfen, wie ein Strudel zieht einen der Bergmagen in sein Inneres. Die Erlösung bringt das Stoßen des Stieres, das von körperlichen und seelischen Qualen befreit, der Sarkophag des heiligen Namphaise, seine Ruhestätte ist Labsal und Pilgerstätte für Epileptiker und Menschen, die mit nervlichen Krankheiten kämpfen. Das Thema des Konzerts bleibt ganz bis zum Ende ein Geheimnis, doch der Kreislauf von Vernichtung und Neuschöpfung ist offensichtlich, die Broschüre erhalten wir nach dem visuellen und klanglichen Schock.

 

Lange sitzen wir im Dunkeln, lesen über den Kannibalismus, über die verschiedenen Qualen und die Erlösung, dabei klopfen die Touristen in dem anderen Gang, schlägt der Metallboden an die Steine, dieser Ohrwurm überlagert die Weihnachten, als käme nach Allerseelen sofort die Vorbereitung auf die Fastenzeit, zuerst die Reinigung und das Fest erst nach der Erleichterung.

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

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