www.HuBook.de
Dezső Tandori
 

Dezső Tandori (Budapest, 8. Dezember 1938 – Budapest, 13. Februar 2019)

 

Ein Nachruf von Krisztián Peer

 

„Sprich nicht vom Überleben, solange du nicht gestorben bist“ – diesen eigenen Aphorismus zitierte Dezső Tandori, das Paradigmen wechselnde und erschaffende Genie, der wirkungsreichste Dichter der zeitgenössischen ungarischen Lyrik, bei seinem letzten öffentlichen Auftritt. Am 13. Februar 2019 ging der Wunsch dieses Satzes in Erfüllung. Ausgesprochen. Auf andere Weise. Als hätte er sich schon immer auf diesen Moment vorbereitet. Dabei sagte er ihn vor mehr als zehn Jahren bei der Verleihung der Goethe-Medaille (2007), doch der lebende Klassiker führte schon damals ein von der Welt zurückgezogenes Leben im Verborgenen. In dem Haus, in dem er geboren wurde und von Geburt an wohnte. Der sprachkritische, der Erkenntnistheorie entspringende Witz war eine seiner typischen Gattungen, wenn man im Fall des sich auf achtzig eigenständige Bände belaufenden Lebenswerks überhaupt von einer solchen sprechen kann. Er schrieb Krimis, Science-Fiction-Romane und Jugendbücher – doch auch diese Genres formte er nach seinem eigenen Bild, tandorisierte sie so wie einige Stücke seines übersetzerischen Lebenswerks von vielen hundert Bänden (Musil, Doderer, Handke, Salinger usw.). (Dies ist das Glück der kleinen Sprachen: Auch die Größten übersetzen.) Seine essayistische Prosa, die die Topoi der Massen-, Pop- und hohen Kultur vollkommen umkehrte und neu schrieb, auch stark auf autobiografischen Elementen aufbaute, ist bedeutend, noch bedeutender vielleicht ist seine philosophische Ästhetik, die von einem außerordentlich breitgefächerten Interesse und Horizont zeugt (für viele von uns entdeckte er Schriftsteller und Maler, der Funken seiner Begeisterung sprang schnell über), doch was er als Dichter machte, das hatte noch kein anderer gemacht. Er hat unser Bild vom Wesen der Lyrik für immer verändert. Mehrmals sogar. Sein erster Band Töredék Hamletnek [Fragment für Hamlet, 1968] war noch ein Weiterdenken einer objektiven, formtreuen, modern-klassizistischen Poetik auf höchstem Niveau (viele mögen diesen Band bis heute am meisten – vor zehn Jahren schrieb er ihn neu, kommentierte ihn unter dem Titel Két és fél töredék Hamletnek [Zweieinhalb Fragmente für Hamlet], distanzierte sich fast), doch der zweite Band – Egy talált tárgy megtisztítása [Die Reinigung eines Fundgegenstandes, 1973] – öffnete mit seinen bis ins Extreme reduzierten, sich auflösenden, wandelnden sprachlichen Zeichen, Bildgedichten, rhetorischen Rätseln und Bedeutungskaleidoskopen der ungarischen Dichtung den Weg über die Neoavantgarde in die Postmoderne. Jeder seiner Bände eröffnete neue Horizonte. Die zertrümmerte Sprache (die Integration von Tippfehlern in die lyrische Sprache als Schwanengesang auf die Zeit der Schreibmaschinen) von Koppar Köldus (1991), das Ausreizen der äußersten Möglichkeiten verlieh den Bestrebungen der bildenden Künste (abstrakter Expressionismus, Londoner Schule) eine Bedeutung in der literarischen Tradition. Aber er hob nicht nur die lyrische Sprache, den Begriff der Dichtung aus den Angeln (und machte sie damit bis heute zu einem besonderen Gegenstand unserer Untersuchungen), auch unser Bild des Dichters als Figur zeichnete er neu. Ein schrulliger Typ mit Wollmütze, der zurückgezogen mit seinen Vögeln lebt, über sie schreibt wie auch über imaginierte Meisterschaften im Knopffußball, unzählig variierte Pferderennen, Teddybären und darüber, wie er am frühen Morgen den Park auf dem Weg zum Markt durchquert und stehen bleibt, um Gras zu pflücken (warum auf dem Hinweg?). Das heißt über den Tod. Seit dem ersten Gedicht Hommage fortlaufend. Über die Todesangst und die Todessehnsucht, über die Trauer und die Verantwortung. Über den Sinn des Lebens. Über den Sinn des Schreibens. (Schreiben und Leben werfen sich den Sinn gegenseitig zu.) „Wir haben ihm alle viel zu verdanken. Und was den Einfallsreichtum und die Vielseitigkeit der Neuerungen angeht … nun, wir wären nicht einmal würdig, den Riemen an seiner Sandale zu lösen“ – schrieb Péter Esterházy über ihn. Und hier, bei der Sandale will ich für einen Augenblick innehalten. (Der heilige Franziskus ging barfuß.) Dezső hatte etwas Christushaftes, wie die Happening-Künstler, bei denen sich die Grenzen von Leben und Kunst verwischen, wie die Heiligen und Asketen. Ein Asket mit achtzig Bänden. Er schrieb so viel, dass er eigentlich ständig geschrieben haben muss. Seinen Blick also für keinen Moment vom Tod abwendete. (Wenn er es nicht für uns tut, warum tut er es dann?) Was möglich war, entdeckte er. Die Erde war ihm nicht leicht. Doch auch die schwersten Inhalte war er fähig, mit dem Helium seiner Dichtung zu füllen und sie in die leeren Himmel emporsteigen zu lassen. Wir danken dir, Dezső.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

 

Ein paar Gedichte

Zerfallen bin ich

zu dem einen Stück, welches

ich schon immer war.

 

Ich schlafe ein paar Gedichte.

 

Auch die Seele ist Körper.

Meinem Körper – meiner Seele

bin ich fremd.

 

Aus dem Ungarischen von Agnes Relle

(Erstveröffentlichung: die horen, „Bestarium Hungariae“, 1999.)

 

Infos