Auf verschlungenen Pfaden

 

Sabine Geller, Christiane Weidel und Belinda Schmalekow lichten entlang der Donau das Dickicht der weiblichen Seite der Geschichte und Gegenwart und fördern 51 fesselnde „Danube Women Stories“ zutage.

 

Eine Rezension von Monika Riedel

 

In der Tourismusbranche gehören Stadtführungen zum Standardangebot. Sie haben die Erkundung des städtischen Raumes zum Gegenstand, bei der das Zeigen, Beschreiben und Deuten – bei einem Spaziergang, mit Gleichgesinnten – der Vermittlung von kulturellem Wissen und folglich der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dient. Als Gattung unterliegt die Stadtführung gewissen Erwartungen der Beteiligten. Hierzu gehört ihre institutionelle, dem (bürgerlichen) Kultur- und Bildungskanon verpflichtete Verankerung, die als Qualitätsmerkmal gewährleisten soll, dass unser Blick auf historisch und zeitgenössisch Sehens- und Wissenswertes gelenkt wird.

Was aus der touristischen, kompetitiven Perspektive die besondere Sichtbarkeit im Konzert der Städte bewirken soll, ist gleichzeitig die Bestätigung einer vermeintlich zeitlosen Norm. Es handelt sich dabei um eine Wahrnehmung, an der sich auch in Zeiten alternativer Führungen und ausgefallener Stadtrundgänge im Großen und Ganzen nicht viel geändert hat. Deswegen verwundert es kaum, dass trotz des professionell geschulten Blicks der Stadtführer und Stadtführerinnen für die Imagepflege vieler europäischer Städte Leistungen und Errungenschaften von Frauen kaum herangezogen werden. Dadurch werden sie allerdings – bewusst oder unbewusst – auch als wenig förder- und erhaltenswürdig markiert.

Diese oft einseitige Auslese wollten die engagierten Teilnehmer*innen eines von der Baden-Württemberg Stiftung in ihrem Programm „Perspektive Donau: Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft“ geförderten internationalen Projekts für ihre Städte so nicht mehr hinnehmen. Sie begaben sich in Ulm, Wien, Budapest, Novi Sad und Temeswar auf die Suche nach weiblichen Vorbildern in Geschichte und Gegenwart. Ihre notwendigen Ergänzungen zu den gängigen Bildern ihrer Städte, die Biografien von insgesamt 51 bemerkenswerten Frauen, liegen nun in Buchform vor. Sie tragen zur Anpassung unserer Wissensbestände und Vorstellungen an die jeweiligen städtischen Realitäten bei und bilden sie, wenn auch nicht ganzheitlich, so doch ein Stück vielfältiger, ab.

In Ulm sind es neben Sophie Scholl (1921-1943), der Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, an die im Stadtbild ein Denkmal, das erste Wohnhaus der Familie oder eine Stele in Blütenform einer weißen Rose erinnern, die Komponistin und Klavierlehrerin Barbara Kluntz (1660-1730), die Stadträtin Agnes Schultheiß (1873-1959) und die Unternehmerin Mathilde Wieland (1838-1920), die Eingang in das Buch gefunden haben. Sie alle haben den Lauf der Ulmer Stadtgeschichte in einer Zeit nachhaltig beeinflusst, in der die Talente von Frauen im Privaten verkümmerten und ihr Engagement lediglich als Störfaktor in einem bewährten Gesellschaftssystem galt. Seit 2002 macht die Stadt Ulm mit (inzwischen zehn) Gedenk-Stelen auf die Leistungen von diesen und anderen Frauen aus sieben Jahrhunderten aufmerksam.

Aus Wien präsentieren die Herausgeber*innen zunächst Maria Theresia (1717-1780), ohne die idealisierende Überhöhung der „gütige(n) Landesmutter und fähige(n) Politikerin“ in der öffentlichen Wahrnehmung unerwähnt zu lassen. Die Darstellung historischer Frauen dominieren sonst Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, wie etwa die Lebensgeschichte der Sozialwissenschaftlerin Marie Jahoda (1907-2001) oder der Fotojournalistin Inge Morath (1923-2002). Ihnen folgt die kulturelle Wiederentdeckung der letzten Jahre, die Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr (1914-2000), die neben ihrer Schönheit auch Köpfchen besaß: Mit dem Komponisten George Antheil hat sie das Frequenzsprung-Verfahren entwickelt, das später die Erfindung der Mobiltelefon-Technologie beförderte.

In Budapest setzt man bei Stadtführungen den zahlreichen weiblichen Symbolfiguren aus Stein und Bronze, die das Stadtbild prägen, Frauen aus Fleisch und Blut entgegen und erzählt die Geschichte der damals 28-jährigen Krankenpflegerin Erzsébet Gaál (1917-1989), die der Freiheitsstatue Modell stand. Ein für die Geschichte des Landes zentrales historisches Ereignis, der ungarische Volksaufstand 1956, erhält wiederum durch Judit Mona (1926-1951) ein Gesicht. Die Ärztin behandelte in den Tagen der Kämpfe aus einer moralischen Haltung heraus sowohl Revolutionäre als auch Mitglieder des Staatschutzes (ÁVH). Sie floh nach der Niederschlagung des Aufstandes mit ihrem Mann nach Wien und später nach Genf, bevor sie sich endgültig in den USA niederließ.

Novi Sad gehört in Serbien zu jenen Städten, in der sich Frauen schon Mitte des 19. Jahrhunderts Fragen nach der Gleichberechtigung der Geschlechter stellten. Während Marija Trandafil (1816-1883), eine reiche Erbin, nach dem Tod ihres Mannes vor Gesetz um ihr Eigentumsrecht kämpfte, setzte sich Savka Subotić (1834-1918) nach ihrem Universitätsabschluss und ihrer Heirat für die Verbesserung der Bildungschancen und finanzielle Absicherung von Frauen ein, indem sie einerseits die „Erste Frauenkooperative“ gründete und armen Mädchen half, Lehrerin zu werden, andererseits Frauen auf dem Lande durch deren Handarbeitskunst zu einer Einnahmequelle verhalf. 1918 zieht schließlich die Journalistin Milica Tomić (1859-1944), die nach der Verhaftung ihres Vaters vor ihrem 20. Lebensjahr die Redaktion der Zeitung „Zastava“ (dt. Fahne) übernahm, als eine der ersten sieben weiblichen Abgeordneten ins Parlament ein.

Von den historischen Persönlichkeiten aus dem Banat und dessen Zentrum Temeswar lernen wir die erste Lehrerin Rumäniens, Emilia Lungu-Puhallo (1853-1932), und die Philanthropin Sofia Imbroane (1884-1933) kennen. Beide feierten Erfolge im Bildungsbereich und gründeten Schulen für Mädchen und Frauen im Banat – die erstere eine rumänische Mädchenschule in Izvin, die zweite eine „Hausfrauenschule“ nach deutschem Vorbild in Temeswar. Die Geschichte der aus Mannheim stammenden, in Philosophie promovierten Schwester Hildegardis Wulff (1896-1961) ist eng mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Sie gründete 1945 als Äbtissin der Benediktinerinnen der heiligen Lioba in Temeswar ein Waisenhaus und versorgte 80 Kinder aus dem gesamten Banat, dessen Eltern wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden.

Die die historische Spurensuche abrundenden Interviews mit Lokalpolitikerinnen, Bürgermeisterinnen, Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen führen den Leser*innen eindrücklich vor Augen, dass die Frauen der Gegenwart mit ihren Vorstellungen von einem gelingenden gesellschaftlichen Miteinander und einer lebenswerten Stadt gar nicht so weit von ihren Vorgängerinnen entfernt sind. Auch sie setzen in ihrem Wirkungsbereich auf Impulse, Kontakte und Netzwerke über die Ländergrenzen hinweg. Auch sie richten ihre Arbeiten bevorzugt interdisziplinär aus.

Der Städteführer „Danube Women Stories“ ist zweifelsohne eine faszinierende Einstiegslektüre, die Lust auf die Fortführung der Beschäftigung mit den verschütteten weiblichen Anteilen unserer Vergangenheit macht. Er veranschaulicht nicht nur die verschlungenen Pfade, denen man (nicht nur entlang der Donau) folgen muss, um dieses kulturelle Erbe ins öffentliche Bewusstsein zurückzurufen und zu einem ganzheitlicheren historischen Bild zu kommen. Er verdeutlicht auch, dass es Zeit ist, unsere seit der Jahrtausendwende zu erlahmen scheinende gesellschaftliche Auseinandersetzung über den Stand der Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie Mehrheiten und Minderheiten in den Ländern Europas neu zu entfachen. Mag sein, dass die Projektpartner durch ihren grenzüberschreitenden Ansatz und ihre Auswahl der die Vielfalt ihrer multikulturellen Regionen repräsentierenden Frauenbiografien in einem an der Konkurrenz der Nationalstaaten ausgerichteten touristischen Wettbewerb der Städte und Regionen die führenden Plätze nicht sichern könnten. Aber sei‘s drum!

 

Sabine Geller/Christiana Weidel/Belinda Schmalekow (Hg.): Danube Women Stories. Ulm: danubebooks 2018. 128 S., 9,90 €.