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Zoltán Danyi
 

Zoltán Danyi – Der Kadaverräumer

Eine Buchbesprechung von Eszter Bolla

 

Wie kann man das Trauma eines Krieges verarbeiten? Eines Krieges, in dem mindestens 100.000, nach anderen Berechnungen sogar 300.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Eines Krieges, in dem unsagbare Kriegsverbrechen verübt wurden. Zoltán Danyi, ein Angehöriger der ungarischen Minderheit in Serbien, hat lange nach dem Weg gesucht, das Trauma der Jugoslawienkriege literarisch aufzuarbeiten. Das Ergebnis ist Der Kadaverräumer, ein schockierender, verstörender und doch poetischer Roman.

Der Protagonist des Romans bleibt namenlos. Er lebt in Novi Sad und ist – wie der Autor – ein Angehöriger der ungarischen Minderheit. Er hat einen großen Traum, er will unbedingt in die USA auswandern. Wie er meint, kennt er Amerika sehr gut, allerdings kennt er nur das Amerika der Hollywoodfilme und verbindet mit dem Land seiner Träume zahlreiche Kindheitserinnerungen. Sehr weit kommt er jedoch nicht, nur bis nach Berlin, wo er dann ziellos durch die Straßen läuft.

In einem ständigen Redefluss erzählt der Protagonist – wobei die meist äußere Perspektive manchmal zu einer Innenperspektive wechselt –, wie er eine Zeit lang Benzin über die ungarische Grenze geschmuggelt hat. Später kämpft er im Krieg und nimmt dabei nicht nur an Plünderungen teil, sondern macht auch bei der Vergewaltigung und Ermordung von Frauen mit, ist dabei, als reihenweise Menschen exekutiert werden. Nun will er einfach nur nach Amerika, seinem Leben entfliehen. Er ist ein traumatisierter Mann, Opfer und Täter in einer Person. Sein Trauma manifestiert sich in physischen Problemen, er hat Schwierigkeiten beim Urinieren.

Der Erzählfluss bricht nie ab, ist häufig wirr, die einzelnen Ereignisse setzen sich für den Leser nach und nach zu einem Mosaik zusammen. Er kommt jedenfalls nach dem Krieg zu den Kadaverräumern. Eine abscheulichere Arbeit ist schwer vorstellbar. Mit seinen beiden Kollegen sammeln sie tote Tiere ein, eine Säuberungsarbeit, die kein Ende nimmt.

Der Kadaverräumer ist ein Kriegsroman, in dem es nicht um Kriegshandlungen, nicht um Gewinner und Verlierer und schon gar nicht um Helden geht. Es geht darum, was der Krieg mit einem Menschen macht: um die Zerstörung. Angefangen bei der Verdauung über die Sexualität bis hin zur gesamten Zukunft. Der Protagonist macht sich immer wieder auf den Weg irgendwohin, sei es Amerika oder ein Papiergeschäft, erreicht sein Ziel aber nie. Sein Leben ist zu einer Mischung aus Sackgasse und Irrgarten geworden.

Der Kadaverräumer ist keine leichte Lektüre. Da aber um uns herum nationalistische Ideologien immer mehr Raum gewinnen, ist der Roman heute, zwanzig Jahre nach den Jugoslawienkriegen, relevanter denn je.

 

Zoltán Danyi: Der Kadaverräumer, aus dem Ungarischen von Terézia Mora, Suhrkamp, Berlin 2018.

 

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