Eine Anthologie der anderen Nationen: „hinternationale” Erzählungen über die Donau

Eine Rezension von Anna Zsellér

 

In einem ungewöhnlichen, doch bequem lesbaren Format bietet das Buch Der Fluss. Eine Anthologie der anderen Art ein Leseerlebnis der fließenden Art. Die Andersartigkeit der Donau wird mit diesem Band greifbar (und zwar wortwörtlich: mit dem Format der menschlichen Hand korrespondierend). Es wird darin mit der ständigen Verschiebung der Perspektiven (zeitlich und räumlich, dazu die Mehrsprachigkeit der Quellenliteratur einverleibend) gearbeitet. Das ständige Entgleiten des Objekts, der Donau, das paradoxerweise als nicht-objektivierbares Objekt erscheint, ist das Standhafte in diesem Buch. Der Fluss wird zu einer Projektionsfläche, selber undarstellbar, doch als Medium des Darstellbaren seiner Naturgeschichte sehr wohl geeignet. Welche Fragen entfalten sich also anhand des Flusses in dieser anthologischen Form?

Wie Claudio Magris, einer der Starautoren des Bandes schreibt: „ist der Fluß [seit Heraklit] Sinnbild der Identitätsfrage par excellence – jener uralten Erwägung, ob man zweimal in demselben Fluß baden könne oder nicht (...).” (S. 19 In: Der Fluss. Eine Anthologie der anderen Art) In diesem Sinn ist diese Anthologie durchaus eine „der anderen Art”: Es geht hier nämlich nicht nur um eine Naturgeschichte oder eine kommentierte Geographie des Flusses, sondern auch um die dazugehörige Menschheitsgeschichte. „Hinzu kommen Fragen wie: Wie wirkt sich der Strom auf die Lebenswelten der Menschen aus und, umgekehrt, was stellen Letztere mit ihm an?” (S. 7f.) „Der Fluss als Textfluss” stellt letztendlich eine politische Kulturgeschichte des Donauraumes dar, und zwar auf eine belletristische und exquisite Weise: anhand von Schlüsseltexten der europäischen Literatur, die durch die Vermittlung der deutschen Sprache die Andersheit der Donauliteraturen selbst zur Erscheinung bringen (bulgarische, deutsche, englische, kroatische, österreichische, rumänische, serbische, slowakische und ungarische Autoren erhalten ihren wohlverdienten Platz an der Donau).

Anders ist diese Anthologie auch, weil sich dem Leser nicht nur das angenehme, sondern auch das wilde, zerstörerische, erhabene Gesicht des Stromes zeigt; aber auch was die Menschen mit dem Fluss anstellen, wird in seiner Radikalität nicht beschönigt. Das Zusammenleben von Mensch und Fluss ist alles andere als friedlich und nachhaltig. Das Hochwasser als politische Metapher oder das Steuern eines Schiffes und des Staates als ein Sinnbild von Horaz, das von der doppelten Bedeutung des lateinischen Wortes gubernatio herstammt, sind nur zwei der Metaphern, die als thematische Schwerpunkte für diese gesellschaftsgeschichtliche Erzählreihe dienen: „Und es war der Kaiser selbst auf Deck, als es im Rahmen der ungarischen Milleniumsfeier über den neu errichteten Kanal fuhr und den Konnex zwischen Staatsmacht und Schiff nach Möglichkeit noch auffälliger machte.” (S. 108)

Die Einleitungen zu den literarischen Auszügen zeugen von den eingehenden Kenntnissen der Herausgeberinnen, was die Donau- und mehr noch die Weltliteratur betrifft. Eine „Brochure des interessantesten Quodlibets” (S. 72) über die Donau ist diese Anthologie nicht geworden: Die Sammlung und Ansammlung der literarischen Texten zu den verschiedenen Themen hat die Form der literarischen Metadarstellung der Donau gefunden, um nicht nur die Vielförmigkeit, sondern auch die Unförmigkeit, die Unformbarkeit des Flusses glaubhaft und einprägsam zu thematisieren. „Die orientierende Route führt letztlich zum Verlust der Orientierung.” (S. 119) Dieser „Verlust der Orientierung” ist jedoch ein überaus bereichender, beinhaltet diese Anthologie doch auch die (Selbst)kritik der Anthologie als Form: Das Lesen einer Anthologie macht Spaß, da der Leser nicht an eine rigide Reihenfolge gebunden ist, er kann frei zwischen den Kapiteln und den darin platzierten Texten umherschlendern und entkommt dem barocken Gefühl der Unerschöpflichkeit des Themas nicht. Die Form der Sammlung ist eine eigentliche NichtForm, ohne das Versprechen einer endgültigen, vollständigen Orientierung in Donau-Angelegenheiten. Der aufmerksame Leser lernt vielmehr, dass die Donau zeitlich wie auch räumlich und menschheitsgeschichtlich immer weiter fließt.

Man könnte zuletzt fragen: Wessen politische Poetik wird hier eigentlich entfaltet? Jene der Donau, der DonauAutoren, einer politisch aufgeklärten Kulturwissenschaft oder schlicht der an Europa Glaubenden? So einfach wird einem die Beantwortung dieser Frage von den Herausgeberinnen nicht gemacht: Ihre Entscheidungen erweisen sich als politisch wertfrei – so wurde extrem konservativen und sogar (zeitweise) nationalsozialistisch engagierten Autoren Raum gelassen, wenn das literarische Niveau der Texte es zuließ.

Wie Edelsteine im Gehäuse, leuchten diese literarischen Auszüge in der neugewonnenen (Un)Form der Anthologie, durch die Kommentare der Einleitungen eingerahmt. Die Tiefe der Donau-Augenblicke, der Donau-Interpretationen besteht darin, dass die eigentliche Uninterpretierbarkeit des Flusses fassbar wird. Vor unserem geistigen Auge erscheint eine Doppelgestalt der Fluss-Königin Europas: die zeitlich wie räumlich vielschichtige, plurale, unfassbare und unbegrenzte Fläche der Flussgeschichte(n).

 

Der Fluss. Eine Donau-Anthologie der anderen Art. Hgg. Edit Király, Olivia Spiridon. Salzburg; Wien: Jung und Jung 2018.

 

Leseprobe:

 

Mitteleuropa

 

„Die Donau als sine qua non Europas.

Flüssiger Code der kulturellen Vielfarbigkeit.

Schlagader des Kontinents. Geschichtsfluss.

Zeitfluß. Kulturfluß. Liebesfluß.

Fessel, die Völker verbindet. Freiheitsfessel.“

Esterházy: Donau abwärts

 

 

Das Reich der Mitte, Mitteleuropa, Donaueuropa, Zentraleuropa – magische Namen für eine politische Idee, die in den vergangenen 150 Jahren fur eine europäische Region immer neue Anziehungskraft besaß! Mit ihr war eine Integration der zwischen Deutschland und Russland liegenden kleineren Nationen ebenso gemeint wie eine kulturelle und politische Brückenstellung der deutschsprachigen Länder zwischen dem Osten und dem Westen des Kontinents. Ihr geografischer Geltungsbereich variierte erheblich und franste vor allem an den Rändern aus. Er reichte von den beiden großen deutschsprachigen Ländern über den Einflussbereich des ehemaligen Habsburger Reichs bis Polen und schloss in manchen Entwürfen sogar Dänemark und die Niederlande mit ein. Die Habsburgermonarchie erschien immer wieder als sein selbstverständlicher Fluchtpunkt. Sie wurde gelegentlich auch als ein verspätetes Gegenmittel

gegen die erwachenden Nationalismen des Vielvölkerstaates interpretiert. Seine Blütezeiten erlebte dieser Gedanke in Zeiten des Umbruchs, während der beiden Weltkriege und im Jahrzehnt vor dem Zusammenbruch des Kommunismus, als er vor allem als kulturelles Identitätsangebot an Bedeutung gewann.

In der österreichischen Tradition war die Donau eine selbstverständliche Ergänzung dieses politischen Gedankens, da sie seit dem 19. Jahrhundert als der ubernationale, habsburgische Fluss galt, im Gegensatz zum rein ≫deutschen≪ Fluss, dem Rhein. Emotional besonders aufgeladen war diese Idee zur Zeit der Zweiteilung Europas in den Jahren des Kalten Krieges, als die Donau nicht nur die natürliche Zusammengehörigkeit der östlich wie westlich des Eisernen Vorhangs liegenden Länder auszudrücken vermochte, sondern auch deren Bindung an eine ungeteilte Vergangenheit. […]

 

 

Gerhard Fritsch: Moos auf den Steinen (Auszug)

 

[…] Als sich die kleine Gesellschaft auf der Höhe des Dammes befand und man eine geraume Weile betreten und ein wenig gezwungen bedeutungsvoll in den nah vorüberziehenden Strom geblickt hatte, besann sich Suchy seiner Absicht. Er wollte noch einmal, vielleicht war es schon die letzte Gelegenheit, seine Gedanken über die Donau sagen, über diese Landschaft, in die es ihn verschlagen hatte, über seine Ansichten überhaupt. Und so begann er zu erzählen, stockend zuerst, dann flüssiger, Satz auf Satz. Er redete und redete, während man langsam stromabwärts ging, langsamer als das Wasser, das gegen Ungarn rann, das nicht weit, aber unsichtbar in den dunstgrauen Nachmittagsschleiern des Ostens lag.

„Eine leere, verlassene Gegend“, so begann er ungefähr. „Man kann dieses Ufer von der letzten Wiener Brücke entlang gehen bis zur Mündung der March, bis ins Angesicht des bizarren Felsens von Theben, einem Nest, das weiß Gott warum so heißt wie die Stadt des Ödipus, bis zur Grenze, der heutigen Grenze also, und man begegnet dabei keinem einzigen Menschen. Und dahinter, hinter diesen Auen, die still und verwildert sind wie selten irgendwo in Europa ein Wald, liegt das Marchfeld, eine genau so gespenstisch leere Landschaft, in der es Sanddünen gibt wie in den asiatischen Steppen, ein paar herrliche Schlösser, deren Verfall noch weiter fortgeschritten ist als der von Schwarzwasser, eine Handvoll traurige Dörfer und Bohrtürme seit neuestem, Öltürme, von denen in der Nacht weithin Lichter in die Verlassenheit leuchten. Eine Gegend ohne Fremdenverkehr, was immerhin in Österreich etwas Seltenes ist, eine Gegend der Melancholie – und doch wunderschön, wenn man sie näher betrachtet.“

„Und hier also die Donau, ein toter Strom, verglichen mit anderen Wasserstraßen, ab und zu ein Schlepper, nicht der Rede wert, tot und verlassen, und das nicht einmal so sehr seit dem letzten Krieg. Schaut einmal dort hinüber auf das andere Ufer, das nicht hoch, aber doch zwanzig, dreißig Meter zum Flußbett hin steil abfällt. Dieses Ufer war einmal der Rand der Welt.“

Nach einer kleinen Pause, in der er prüfend in die Gesichter seiner drei Zuhörer sah, ob sie ihm überhaupt folgten, fuhr er fort: „Hier war die alte Welt zu Ende, von dort drüben sahen die Wachtposten der X. und der XIV. Legion, Syrer zumeist, erschaudernd, wenn sie bedachten , wohin eigentlich sie der Befehl des Kaisers, den sie nur von den Münzen kannten, verbannt hatte. Hier, wo wir jetzt gehen, war der Beginn des Urwaldes, der weithin die Länder der Barbaren bedeckte, jenes Waldes, in dem die Fabeltiere hausten, von denen Cäsar zum Gaudium der Gymnasiasten im 4. Buch seines „Krieges“ erzählt, der Anfang der schrecklichen Erde ohne Ordnung, Kaiser und Gesetz, der Barbarei, in der sich der Widerschein der Wachtfeuer verlor in Nebel und Gefahr.

Aus Nebel und Gefahr kamen dann die Barbaren, welche die Welt jenseits der Donau, die Einheit der Welt vom Euphrat bis Schottland, zerstört haben. Sie schritten über dieses Ufer, auch der einzige Kaiser des Altertums, der ein Weiser war, konnte sie auf die Dauer nicht aufhalten. Carnuntum, die große Abenteuer- und Händlerstadt am Rand der Welt, verödete und verfiel wie die Kastelle. Ein paar Steintrümmer, Tonscherben und Münzen voll Grünspan sind übriggeblieben hinter dem Ufer drüben. Zwei Amphitheater, ein syrischer Grabsteinblock, monströs und gewaltig noch heute, ihr wißt es ja. Und manches noch in der Erde, Knochen, Knochen, Knochen. Centurionen, Schieber und Gemeine.“

Suchy sah abermals in die Mienen seiner Begleiter, er sah aber nicht mehr genau hin, seine Gedanken hatten ihn ergriffen wie ein Strom, sie trugen ihn weiter in seinem Monolog. Er sprach vom Chaos, das folgte auf Rom, von den Trümmern, die weggetragen wurden zum Bau von Bauernkeuschen und Kirchen, er sprach von der Schlacht, die ein unglücklicher König gegen einen glücklicheren Grafen, den Tüchtigkeit und Zufall erhöhte, verloren hat in der Ebene hier. Er redete von der Dynastie dieses Grafen, die durch Beharrlichkeit und Zufall zur ersten des Abendlandes wurde, er sprach von den Türken, die in derselben Ebene noch vor 250 Jahren die Dörfer niederbrannten, von der Zeit, die ihre Häuser sonnengelb anstrich, daß sie auch im Regen freundlich aussahen, von den herrlichen Schlössern und Gärten, die sie ins leere, ausgeplünderte Land stellte. Schloßhof, das Canaletto malte, der dieses glückliche Gelb gekannt hat, dieses sanfte, zufriedene Abendgelb einer großen Kultur, Schloßhof, die gewaltige Anlage, und Schwarzwasser, das kleine Jagdschloß mit dem düsteren Namen.

Und dann sprach Suchy plötzlich von der heutigen Zeit, vom letzten Krieg, der die Schlösser endgültig zu Ruinen gemacht hat und von jener anderen Grenze, die nun in unseren Tagen wiederum ganz hier in der Nähe läuft, von der March, der neuen Grenze, die senkrecht zur alten Donaugrenze nun zwei Welten von einander trennt und nicht wie die alte, versunkene Grenze die eine Welt, das eine Ordnungsprinzip vom Ungestalteten, erst zu Formenden.

Während des Schweigens, das seinen Worten folgte, warf Suchy einen dürren Ast, den er schon eine Zeitlang mit sich trug, in den Strom. Das schwarze Holz klatschte auf und trieb, sich drehend, davon.

Als es im undeutlichen Graugrün des großen Wasserwanderns unsichtbar geworden war, fand als erster Mehlmann die Sprache wieder. Er hatte geduldig und nicht ohne Interesse zugehört. „Ein druckreifer Essay kann ich nur sagen, gratuliere, gratuliere!“ Er zog überschwenglich seinen Gamsbarthut.

„Schreiben müßte manʼs halt“, erwiderte Suchy trocken, „Aber ich nicht mehr. Wenn du willst, bitte sehr.“ Sein Gesicht wurde wieder das Gesicht eines alten Mannes. Der Glanz, der darauf geschimmert hatte, erlosch.

Er blieb stehen und sagte fast befehlend: „Kehren wir um.“

Sie folgten ihm ohne Widerrede.

In Petrik lebte noch das Gehörte. „An den beiden Grenzen also“, sagte er, „der alten und der heutigen. Ein Koordinatensystem der Geschichte. Und hier, diese Landschaft, dieses Schloß, am Schnittpunkt der Linien.“

„So hat es Vater gemeint“, warf Jutta lebhaft ein. Jetzt war sie es, die ihm helfen wollte. „Hier ist die vergessene leere Mitte, wo die Gespenster umgehen.“

„Die leere Mitte“, sagte Mehlmann. „Wir wollen sie neu erfüllen.“

Suchy maß ihn vom Gamsbart bis zu den genagelten Bergschuhen.

„Und überall“ meinte Petrik noch in seinen Gedanken von vorhin, „hüben und drüben war Österreich.“

Suchy richtete sich auf, als hörte er etwas, auf das er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, als hörte er eine geheime frohe Botschaft.

„Diesseits und jenseits aller dieser Grenzen war Österreich.“ Er sagte es, langsam und gegen den Strom gewandt, wie einen Satz aus einer feierlichen Gedenkrede.

Sein Gesicht leuchtete vom Widerschein einer großen Erinnerung.[…]

 

Gerhard Fritsch: Moos auf den Steinen, Salzburg: Otto Müller 1956.

 

 

Peter Esterházy: Donau abwärts

Fortsetzung der Wahrheit (Auszug)

 

Vor lauter Donau und lauter Mitteleuropa-Gebetsgemurmel wurde mir – nein, das ist kein gutes Wort: übel, sagen wir lieber, es machte mich wütend. (In patriotischen Angelegenheiten muß eben doch Thomas Bernhard maßgebend sein, nur wäre, was Ungarn betrifft, der Hochgebirgstrottel in Tiefebenetrottel abzuändern.) Diese Unmenge an Donaugedanken, Donauethos, Donauvergangenheit, Donaugeschichte, Donauschmerz, Donautragödie, Donauwürde, Donaugegenwart, Donauzukunft! Wovon reden wir? All dies Fließen ist verdächtig geworden. Donaunichts, Donauhaß, Donaugestank, Donauanarchie, Donauprovinzialismus, Donaudonau. Arme Gertrude Stein, wenn sie das hätte erleben können: die Donau ist die Donau ist die Donau ...

Auf die Frage, was eine Fußballmannschaft zusammenhält, antwortet ein alberner Witz, einerseits der Alkohol, andererseits der unverbrüchliche Haß gegen den Trainer. Das. Das und nicht mehr war Mitteleuropa. Zumindest wurde Kunderas Definition nur von der Sowjetunion am Leben erhalten. Wie sie mir doch seinerzeit gefiel! Oder wie unverständig und unreif mir Handke vorkam, als er Mitteleuropa nur einen Begriff der Meteorologie nannte. Dabei hat er so recht! Und es wäre durchaus keine Geringschätzung des Gegenstands. Die Natur, auf die man sich berufen kann, ist nichts Geringes. Man versuche, mit einem aus Murmansk über die Kälte zu sprechen. Mit einem Inder über die Wärme oder den Regen. Es ist kalt, es regnet, ein Unwetter tobt, der Inn steigt, ich weiß, wovon wir reden. Wolken, Sterne, Winde und Stürme, Wasserstand, Niederschlagsmenge, Volkserfahrungen (Matthias bricht das Eis, Maienregen, Siebenschläfer).

Zusammenfassend: Wir sind Nachbarn. Uns blickt dasselbe Pferd ins Fenster, wir schauen auf denselben Garten, wir können uns darauf berufen, daß wir Hagelschauer und Hochwässer, die Zacken der Blitze, den Horizont im August, die Nebelfetzen, die morgendliche Glätte, eine zauberkräftige Frau, einen engelsgleichen Knaben, einen unerschütterlichen Mann, die großen, gemeinsamen, orgiastischen Mißverständnisse kennen.[…]

 

Peter Esterházy: Donau abwärts. Roman. Deutsch von Hans Skirecki. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag 2006.

István Kemény: Liebe Unbekannte

Elysische Gefilde (Auszug)

[…] Vom Balkon aus blickte man auf die Donau. Ich konnte nie genug von dieser Aussicht bekommen, da man von hier ausschließlich Weltstädtisches sah. Zu beiden Seiten jeweils eine Brücke, die Freiheits- und die Elisabethbrücke, zwischen ihnen am anderen Flussufer den Gellért-Berg, links das Gellért-Hotel und rechts das königliche Schloss. Das deutete alles auf eine Weltstadt hin. Zumindest von diesem Balkon aus betrachtet. Selbst die Spätnachmittagssonne war die einer Weltstadt. Von diesem Balkon aus sah man nichts Provinzielles, daher war er für mich der perfekte Ort. Und ich war in dem Moment glücklich. Mit vierzehn Jahren zählte ich nun zum ersten Mal zu den erwachsenen Männern, da Onkel Lajos auch mich aufgefordert hatte, mir einen Stuhl auf den Balkon zu stellen. Ich musste den Männern nicht hinterherschleichen, sondern wurde eingeladen mitzugehen. Ich hatte sogar das Recht mitwissend zu grinsen, als Onkel Lajos einen lustig-besorgten Blick zuerst auf seine Uhr, dann auf die Balkontür und wieder auf die Uhr warf, denn auch ich wusste, dass er auf Tante Judit wartete, da es sich nicht lohnte, das Gespräch fortzusetzen, bis sie nicht hinausgekommen war.

„Was mag ihr wohl dazwischengekommen sein?“, sagte er grinsend, Vater und ich grinsten ebenfalls.

„Nun gut, kein Grund zur Panik, wir werden ohnehin nicht drum herumkommen. Es gibt also Spuren, und zwar nicht wenige, die darauf hinweisen, dass ...“, begann er wieder und siehe da, schon war Tante Judit auf dem Balkon und wies Vater zurecht, dass der Rauch in die Wohnung ziehe.

„Dann schließ doch die Tür, wir unterhalten uns.“ Onkel Lajos erledigte die Sache kurz und bündig. Aber Tante Judit reichte das nicht. Sie führte auf dem Balkon eine neue Sitzordnung ein, indem sie unsere Stühle umräumte und Vater ein Stück fettige Alufolie in die Hand drückte, in die er den Zigarettenstummel einpacken sollte, nicht, dass er noch auf die Idee kam, ihn irgendwo auf dem Balkon zu lassen. Danach wandte sie sich an mich, mit der Frage, ob wir denn den kleinen Kater wirklich nicht haben wollten, den sie und Onkel Lajos im Treppenhaus gefunden hatten und uns bereits während des Mittagessens hatten aufdrängen wollen. Onkel Lajos antwortete für mich,

indem er Tante Judit anfuhr:

„Fragseinemutterwirunterhaltenunsgehhinein!“ Er brüllte zwar, aber darin lag keinerlei Wut, nur Sachlichkeit und auch eine Prise Liebe. Er wollte einfach nur Tante Judits störende Aktivitäten im Keim ersticken.

„Schon gut, ich wollte mich nur mit Tomi über Katerchens Zukunft unterhalten ...“

„Du sollst hier jetzt gar nichts wollen. Geh hinein.“

Bei ihrem Rückzug sprach sie zu mir:

„Onkel Lajos hat auch schon einen Namen für Katerchen, stimmtʼs, Onkel Lajos, du erzählst doch Tomilein, wie du den Kater getauft hast? Er hat so einen ernsten Namen bekommen, als wäre er ein Beamter. Du erzählst es Tomilein, wenn ihr fertig seid, ja?“

„Ich erzähle es ihm“, brüllte Onkel Lajos.

„Hast du gehört? Onkel Lajos erzählt es dir dann“, sagte sie und verschwand in der Wohnung.

„Es gibt also Spuren“, begann er zum dritten und letzten Mal, „die darauf deuten, dass man die Donau Anfang der fünfziger Jahre um Budapest herumleiten wollte. Rákosi und seine Truppe hatten solche Pläne. Sie hängten es nicht an die große Glocke, verheimlichten es aber auch nicht.“

Hier kam eine längere Kunstpause als die vorhergehende. Vor Freude lief mir ein Schauer über den Rücken und das aus zwei Gründen. A: Onkel Lajos war ein hervorragender Geschichtenerzähler, B: Er sprach stets über die großen Zusammenhänge in der Welt. Die Gespräche der Männer blieben bei uns in der Familie nie einfache Unterhaltungen, sondern wurden immer zu Beratungen zur Beurteilung der Lage: Welche Hände in der aktuellen welthistorischen Situation die Fäden hielten, was die zu erwartenden Entwicklungen seien und welchen Standpunkt die Familie in diesem Zusammenhang einnehmen sollte. Jetzt sprach Onkel Lajos unmittelbar zu mir. Vater assistierte ihm zerstreut - wobei er nicht zeigte, dass ihm das Thema Donau wegen der Geschichte mit dem Wasserkraftwerk von Rácalmás unangenehm war. Er tat so, als wüsste er nicht, worauf Onkel Lajos hinauswollte. Dabei wusste er es natürlich ganz genau. Ich wusste es auch. Vater war sich auch sicher, dass Onkel Lajos ihn – wie stets bei unseren gemeinsamen Feiern – im Laufe des Tages früher oder später angreifen und sein Selbstwertgefühl zu Staub zermalmen würde, und wenn er sich nicht schlagfertig genug zeigte, würde er nach dem Streit als lächerlicher Idiot dastehen, gedemütigt vor den Augen seiner Frau, seiner Töchter und seines Sohnes. Vater bereitete sich innerlich auf diesen offenbar unumgänglichen Zusammenstoß vor, deshalb wirkte er so zerstreut. Das Thema an sich, von dem Onkel Lajos sprach, war nichts Neues für ihn, er selbst hatte mir gegenüber das Umleiten der Donau auch schon erwähnt, wobei er stets hinzufügte, ich solle mir anhören, was Onkel Lajos dazu zu sagen habe, denn dieser habe sich tiefer in die Materie eingegraben. In die Materie, die drei Stockwerke unter uns floss.

„Der Anfang des neuen Flussbetts wäre irgendwo unter Vác gewesen", erklärte Onkel Lajos, „ungefähr bei Sződ, und es wäre in einem großen Halbkreis um die Stadt verlaufen, fast bis Tass. Auf der Strecke Fót, Mogyoród, Pécel, Üllő und so weiter. Man hätte es schön um die Pester Seite der Stadt herumgeführt. Die Donau wäre elegant mitten durch die Hügel von Gödöllő geflossen und erst weit unterhalb der Stadt in ihr eigenes Flussbett zurückgekehrt. Irgendwo in der Nähe von Dömsöd. Eine Strecke von neunzig Kilometern! Da hätten sie ganz schön zu tun gehabt. Man wollte den durch Szentendre laufenden Donauzweig bei Kisoroszi verschließen und die vor uns verlaufende Strecke des Flussbetts ebenfalls trockenlegen, geblieben wären nur die Brücken und Kaie. Das war es, was Rákosi und seine Genossen still und heimlich planten.“ […]

 

István Kemény: Liebe Unbekannte. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Wien Braumüller Verlag 2013.