Wilhelm Droste

 

János Térey war ein Dichter in allem, was er tat und liess – der poetische Trotz machte sein Leben aus

 

János Térey gelangte zur Unzeit in die ungarische Literatur. Denn als er sich ab 1991 mit seiner wahrhaftig eigenen Stimme zu melden begann, da war vom ersten Moment an klar, hier spricht ein junger Dichter. Damals aber hatten auch in Ungarn die Schriftsteller gerade die Bedeutungsgewalt übernommen, zuvor waren es hier nämlich immer die Dichter gewesen, die die Nöte und Wünsche ihrer Zeit zu benennen, ja geradezu zu beschwören vermochten: Sándor Petöfi, János Arany, Endre Ady, Attila József, Miklós Radnóti, János Pilinszky. Jetzt aber entfaltete sich der Siegeszug der Prosa: Péter Esterházy, Imre Kertész, Péter Nádas. In ihren erzählenden Texten suchte und fand sich die Gegenwart. Sie gewannen nicht nur nationale, sondern auch internationale Bedeutung. Für die Dichter blieben da nur mehr die Nebenrollen.

János Térey – und das ist seine grösste Lebensleistung – war nicht bereit, seine aus der Dichtung kommende Sprache dem Markt zuliebe umzuschulen. Auch wenn er Theaterstücke schrieb, Romane oder Essays, Reden oder Übersetzungen verfasste, so betonte er doch immer, er könne und wolle nur dichten, sei Dichter in allem, was er tue und lasse. Er gab deutliche Zeichen: Ein Grossteil seiner Prosa ist wie Lyrik gesetzt. Dieser Trotz machte sein Leben aus. Er war ihm bis in die Gesichtszüge hineingezeichnet, in den tiefen Ernst und hintergründigen Humor, in die Kleidung, die oft etwas von der Eleganz längst vergangener Tage in die Gegenwart schleuderte, in die Ausgewogenheit seiner Formulierungen, der geschriebenen wie auch der gesprochenen. Untergegangenes Bürgertum, wütender Adel aus der ungarischen Tiefebene, Skepsis der Peripherie gegen alle Zentren, weltbürgerlicher Hochmut, konservative Provokationen gegen die Arroganz des Aktuellen, all das rumort in seiner Sprache und Dichtung.

Erstaunlich, wie dieser Aussenstehende es doch immer wieder verstand, mitten im Leben zu bleiben, aufmerksam zu lauschen auf die Geräusche der Gegenwart. Er suchte seine Inspiration auf der Strasse nicht weniger als in den Büchern. Die Mischung all dieser Stimmen macht schliesslich die eigene aus. Er riegelt sich ab, um dann die eigenen Türen und Fenster zu öffnen. So findet er sich selbst in der Welt und die Welt in sich.

Wie so vielen grossen Dichtern gerade auch in Ungarn wurde János Térey lediglich eine kurze Zeit, nur die Hälfte des Lebens, gewährt. Er starb völlig überraschend am Montag in der Frühe und wurde nicht einmal 49 Jahre alt. Sein grosses Werk aber besitzt die wunderbaren Kräfte eines eigenen Lebens. Gute Dichtung ist ewig jung und Kind. Es bleibt die Hoffnung, dass eine deutliche Spur dieser Kraft auch international zur Geltung kommen wird.

 

(Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung, 05. 06. 2019.)