Der Band Házasságon innen és túl (dt.: Diesseits und jenseits der Ehe) erschien 2006 beim Verlag Palatinus. Das Buch enthält 33 Kurzgeschichten von János Háy, die in den letzten zehn Jahren entstanden und zum Teil auch schon in anderen Büchern oder Zeitschriften abgedruckt worden sind. Die Texte sind in vier Zyklen gruppiert, die keinen eigenen Titel tragen, aber jeweils parallele Gestaltungselemente bzw. Thematiken aufweisen.

I. Zyklus

Der erste Zyklus umfasst zehn, jeweils ca. fünf Seiten lange Texte. Thematisch stehen diese Geschichten, deren Schauplatz zumeist Budapest ist, dem Titel am nächsten. Es geht um Männer und Frauen, die zusammen und doch auf unterschiedlichste Arten aneinander vorbeileben, ohne sich wirklich zu kennen. Die Texte erzählen von enttäuschten Erwartungen, aufgedeckten oder nicht aufgedeckten Ehebrüchen und von Geheimnissen, die nie, oder erst viel zu spät zur Sprache kommen und kreisen um den Moment, um diesen Bruchteil einer Sekunde, in dem die Liebe aufflackert oder abstirbt, möglich oder unmöglich wird.

In einer der Geschichten beendet ein Mann durch einen Anruf beim Chef seiner Frau die Affäre der beiden (Egy budapesti cégvezető, dt.: ein Budapester Firmenleiter). Wir lesen den aufgebrachten Abschiedsbrief, den Lajos an Feris Ehefrau schickt (Lajos utolsó levele Feri feleségéhez, dt.: Lajos`s letzter Brief an die Frau von Feri). Oder wir begegnen zwei jungen Frauen, die ausrechnen, dass von den aus eher zerrütteten Familien stammenden Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis „54 Prozent mit Glück auf dem Gebiet des Ehelebens rechnen können“ (Single Bell). Der Text Szeplő [dt.: Makel] erzählt von einer jungen Frau, die unbeabsichtigt erfährt, dass ihr Vater gar nicht ihr leiblicher Vater ist.

In Budapesti tavasz [dt.: Budapester Frühling] treffen wir auf einen Mann, den, von seiner Geliebten kommend und auf dem Weg nach Hause zu seiner Familie, das schlechte Gewissen packt. Er wird von einer Woge der Liebe zu seiner Ehefrau erfasst. „Als er sich so dem gemeinsamen Haus näherte, da liebte er sie schon. Denn so ist sie, die Liebe, in Wirklichkeit entsteht sie in uns selbst, und den anderen brauchen wir dazu weniger, als wir denken.“ Sein Gefühl verebbt aber augenblicklich, als er beim Eintreten von einer grauen, teilnahmslos dasitzenden Gattin empfangen wird. Sie hat soeben von ihrem Arzt erfahren, dass ein riesiger Tumor der Grund ihrer schon länger anhaltenden, vor der Familie verheimlichten, Beschwerden ist.

In der Kurzgeschichte mit dem Titel Sztrecc [dt.: Stretch] beendet ein junger Mann am Telefon seine Beziehung, weil sich das Mädchen ihm nicht schnell genug hingeben wollte: „Er tippte die Nummer des Mädchens in sein Handy. Hallo, sagte er, und nein, und dass er sie eigentlich, und das auszusprechen falle ihm schwer, nicht mehr liebe. Der Anruf kostete nicht viel, weil sie beim gleichen Anbieter waren. Der Junge gab sich immer Mühe, in Erfahrung zu bringen, welches Netz seine Partnerin nutzte, denn er wollte nicht sein letztes Hemd für die Liebe draufzahlen.“ Durch den gesamten Text hindurch wird wieder und wieder der Vergleich zwischen persönlicher Entwicklung und dem Fortschritt der Textilindustrie gezogen. Die Geschichte schließt mit den Worten: „Jetzt würde sie endlich Schritt halten mit der Zeit, dachte sie, genau wie die Textilindustrie.“ 

In Agglomeráció [dt.: Agglomeration] kauft ein Mann, dem es in seiner Ehe zu eng wird, auf Anraten seines Therapeuten ein großes Haus im Speckgürtel der Stadt, in dem sich die Eheleute schließlich kaum noch begegnen. „Sie wussten dank der Kinder übereinander Bescheid und das gab ihnen das Gefühl, ihre Ehe sei in Ordnung, sie funktioniere im Grunde sogar besser, als die von anderen. Keiner hörte sie zum Beispiel streiten oder Teller werfen.“

II. Zyklus

Der zweite Zyklus verlagert die Schauplätze der Erzählungen über den Stadtrand von Budapest hinaus. Die acht, zwischen fünf und 15 Seiten langen Geschichten schildern die Situation von Menschen, die – meist gezwungenermaßen – ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen. Stadt- und Landleben stehen sich hier diametral entgegen.

In Egy budapesti lakos élete [dt.: Das Leben eines Budapester Heimbewohners] wird ein alter Bauer, der sein Leben lang geschuftet hat, vom Schwiegersohn in ein Altersheim abgeschoben und trinkt sich, als er zum letzten Mal sein altes Haus besucht, an seinem Palinka-Geheimvorrat zu Tode.

Erzählt wird auch von einem jungen Mann, der seinen Vater niedersticht, und dem, nach seiner Rückkehr aus der winzigen Gefängniszelle, die Stadt zu groß geworden ist. Er weiß nicht, wie er „leben soll, in diesem Budapest außerhalb der Zelle“ [Markó].

In Életveszély [dt.: Lebensgefahr] entschließt sich ein Budapester Ehepaar, die Tochter in ein Internat in die Provinz zu schicken. Dann „gäbe es wieder etwas Gemeinsames zwischen ihnen. Sie würden die Tochter vermissen.“

A Kovács Laci lánya [dt.: Die Tochter von Laci Kovács] beginnt folgendermaßen: „Lasset die Kinder zu mir kommen, rufen die Budapester Schulen an jedem ersten September. Und die Eltern packen ihren Nachwuchs in Busse und Autos und schicken ihn in die Verbannung, in die sicheren Mauern der Bildungseinrichtungen, damit die Kinder endlich ihre gottgegebene Freiheit gegen die Erkenntnis des Notwendigen eintauschen können, die Hegel der Menschheit zum Geschenk gemacht hat.“ Diesen Weg tritt auch Laci Kovács´ Tochter an, doch ihr Vater, der zusätzliche Schichten auf dem Traktor fährt, um das Gymnasium in einem grünen Außenbezirk Budapests, „den er auf dem Stadtplan ausgesucht hatte“, bezahlen zu können, doch ihre schulischen Leistungen sacken ab.

Dönteni kell [dt.: Es muss entschieden werden] heißt es in einer anderen Geschichte. Ein altes Ehepaar wird pflegebedürftig. „Man wisse nicht, warum, sagten die Ärzte, und wie listig diese Krankheiten doch seien, der Wissenschaft immer um einen Schritt voraus, genau wie die Autodiebe den modernen Sicherheitssystemen.“ Die erwachsenen Kinder treffen sich in der Wohnung der Eltern, um zu entscheiden, wer sie jetzt aufnehmen solle, diskutieren dann aber eher die Aufteilung des Erbes und suchen schließlich ein Seniorenstift am Stadtrand aus. „Die Möbel bleiben, aber die Eigentumswohnung wird für die Kosten der Heimunterbringung draufgehen.“

In Nehéz [dt.: Schwer] kommt ein Maschinist vom Lande zum Studium in die Hauptstadt, wo er sich in Lärm und Gedränge verloren fühlt und zu trinken beginnt. Er macht eine bescheidene Karriere an der Hochschule, heiratet, kann sich aber nach wie vor nicht an das Stadtleben gewöhnen. Er zieht schließlich zurück in sein Heimatdorf, wo er „den Tag in der Kneipe beginnt und dort auch beendet“, bis er eines Tages tot aufgefunden wird.

III. Zyklus

Teil drei umfasst die sieben „Brücken-Texte“, die Háy zu Gábor Fejérs Fotografien von Budapester Brücken geschrieben hat und die 2005 in dem Bildband Budapest - Hídfőváros [dt.: Budapest - Brückenhauptstadt] erschienen sind. Die zwischen fünf und sieben Seiten langen Kurzprosastücke sind nach den Budapester Brücken (Margarethe, Freiheit, Petőfi, Elisabeth, Kettenbrücke, usw.) benannt. Ausgehend von der jeweiligen Brücke als Handlungsschauplatz oder der in ihrem Namen verborgenen Metaphorik spinnt Háy den Faden seiner Erzählungen. Wieder geht es um die Liebe - die beginnende, die zurückgewiesene oder die unmögliche Liebe.

IV. Zyklus

Teil vier erweitert das Spektrum noch einmal. Hier finden sich unter anderem Erzählungen, die die Perspektive von Kindern aufgreifen. Mehrere Geschichten thematisieren Kriegserlebnisse. 

Haza a senkiházából [dt.: Heimkehr aus dem Niemandsland] beispielsweise ist eine in einer unbestimmten Zeit spielende Kriegsgeschichte. Die Hauptfigur, ein Kind, dass in beständiger Angst die Nachricht vom Tode des Vaters erwartet, denkt über Gott nach und kommt zu dem Schluss: „Es gibt ihn nicht - und fast begann es zu weinen, denn dieser Satz war, als ob es eine schützende Mauer vor seinem Vater niederreißen und eine Salve auf ihn abfeuern würde.”

A pince [dt.: Der Keller] spielt in einem kleinen Dorf. „Wenn ein Schneeball den Hügel hinabrollen würde, zweifelsohne würde hier der Schwung von ihm abfallen, hier, in diesem Tal, würde er landen, genau da, wo die Häuser des Dorfes stehen.” Hier zieht sich ein schweigsamer, nur in Gedanken monologisierender Alter vor seiner zänkischen Frau in seinen Weinkeller am Dorfrand zurück. Einen Vorbeikommenden lädt er zu Brot und Wein ein, sie wechseln ein paar Worte. Am Abend stellt sich heraus, dass der Fremde ein gesuchter Mörder war.

Csöpi und Szilveszter sind die vielleicht eindringlichsten Texte des Buches. Einfühlsam werden hier die unreflektierten Gedanken der Kinder und ihr Ausgeliefertsein gegenüber den Erwachsenen, zu deren Welt sie keinen Zugang finden, beschrieben. 

Csöpi: Ein Junge, der bei seinen Großeltern aufwächst, ist besessen von der Idee, einen verborgenen Türkenschatz zu finden und beginnt, am Dorfrand danach zu graben. Immer bei ihm ist sein Hund Csöpi, den er schon als Welpen bekommen hatte. Nachdem der Hund einen Nachbarn angeknurrte, verschwindet er. Weggelaufen, meinen die Erwachsenen. Und so wartet der Junge vergeblich auf die Rückkehr seines geliebten Hundes. Später setzt er seine Grabungen fort, glaubt, dem Schatz ganz nahe zu sein. „Da stand er, der kleine Junge, schaute auf seinen Fund, die Ausbeute der Grabungen, Troja, den Palast von Knossos, den Kopf seines alten Hundes.”

Szilveszter heißt ein sadistischer Mathematiklehrer, der einem kleinen Jungen als Bestrafung nur noch Dreien und Vieren gibt, weil dieser ihm vermeintlich einmal die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Der Vater des Jungen, der einen höheren Posten bei der LPG bekleidet und bisher stolz auf seinen begabten Sohn war – „Im Büro ranzte er die Sekretärinnen an, das könnte ja sogar mein Sohn ausrechnen, dabei ist der erst in der Vierten!” – dringt auf bessere Ergebnisse. Aber wie sehr der Junge sich auch anstrengt, er bekommt nur Dreien und Vieren. Sein Hass auf den Lehrer und die Panik vor dem Halbjahreszeugnis wachsen ins Unermessliche. Am Abend vor der Zeugnisausgabe verschwindet er.