Kriszta Bódis: Es war gut

Nein. Es war nicht gut. Fünf war ich. Ich hasste es, in den Kindergarten zu gehen. Tante Irénke hat so viele Schniepel! Rief meine Schwester, mit beiden Händen zeigte sie es, kraftvoll, als wüchsen sie da heraus, malte sie  Blütenblätterformen aus ihrer Muschi. Muschi. Dieses Wort kannte ich damals nicht. Bei Mutter hieß alles Popo. Hast du dir den Popo gewaschen? Auch vorne?

Sechs war ich. Ich schloss die Augen. Was macht der Fuhrmann, der Fuhrmann spannt den Wagen an, ich wiegte mich. Die Kissen nahm ich unter dem Kopf weg, weil sie störten. Meine Schwester knabberte am Seidensaum ihrer Decke. Sie ließ mich alle zehn Lieder murmeln, dann das ganze von vorn, alle meine Entchen, vom Himmel hoch da komm ich her, lasst uns froh und munter sein …

Ich zog die Hand unter der Decke hervor. Roch an meinem Finger. Er roch gut. Nein. Er roch nicht gut. Ein süßlicher, mit nichts vergleichbarer, tiefer Geruch. Ich hielt ihn meiner Schwester unter die Nase. Da zog sie auch die Hand unter dem Deckbett heraus und ließ mich an ihrem Finger riechen. Es war ähnlich. Wir lachten, protestierten, schnupperten, fummelten. Lachten witternd, auf der Flucht, auf der Suche. Wenn man noch tiefer griff, konnte man den widerlichen Geruch mit ein bisschen Kinderkackegeruch verfälschen. Wir hatten beide Löcher in den Schlafanzughosen, wo die inneren Seitennähte aufeinandertrafen.

Wenn Mutter es bemerkte, nähte sie sie wieder zu.

Sieben war ich. In der Pause saß ich mit den Händen auf dem Rücken in der Bank. Tante Cica, die Lehrerin, lobte die Kinder, die in der Stunde mit den Händen auf dem Rücken dasaßen. Was machst du denn hier, fragte sie, als sie mich im leeren Klassenraum sah, und schickte mich auf den Flur zu den anderen. Ich presste mich an die Flurwand, die Hände auf dem Rücken. Die Schultoilette sah ich zum ersten Mal in der achten Klasse, mit meiner ersten Freundin ging ich hinein. Ich traute mich noch nicht, sie auszuprobieren, erst später, aber auch dann schloss ich die Tür nicht hinter mir. In der ersten Klasse pullerte ich zweimal ein. Ohne Mutter traute ich mich nicht, auf die Toilette zu gehen. Andauernd träumte ich von Toiletten. Auf der Toilette stirbt man. Auf der Toilette erwischt dich der Tod von unten, mit kalten, feuchten, scharfen Zähnen, und reißt dich unter die Erde. Bis ich achte Klasse war, lernte ich, es bis abends zurückzuhalten. Ich trank nicht und ich aß nicht. Meine Freundin in der achten war fast so wie Mutter, einmal rutschte ich auch mit ihr über das ganze Eis, aber sie fiel dabei sehr heftig hin. Hatte ein Loch im Kopf. Mein Pausenbrot gaben wir den Hunden. Mutter freute sich, dass ich endlich aß.

Acht war ich. Ich mochte die bösen Hexen in den Märchen. Fühlte mich schuldig, dass ich - heimlich - solche Märchen las. Ich weiß nicht, was für welche, aber sie erregten mich. Meine Schwester und ich sahen uns in den Katalogen von Westzeitungen die Frauenunterwäsche an. Linke Seite, alles meins, rechte Seite, alles ihrs. Mutters Kunden ließen die eleganten Modezeitschriften als Geschenk hier. Linke Seite meine, rechte Seite ihre. Ich hatte nie einen Mann nackt gesehen. Vater zog sich vor seinem Schrank um, aber ich traute mich nicht hinzusehen. Die zu straff sitzenden Unterhemden und -hosen der Männer in den Katalogen überblätterten wir feixend. Diese vielen Nähte da vorn, diese Ausbuchtung, das war hässlich. Das Wort Unterhose kannten wir nicht. Mutter nannte auch Vaters Unterhosen Schlüpfer. Mein kleiner Bruder gewöhnte ihr das später ab. Bei mir nannte ich die Unterhosen meiner Geliebten Schlüpfer. Es war viel vertrauter, heimeliger,aber ich hätte sie niemals damit beleidigt.

Neun war ich. Ich schlief gern auf dem Bauch. Wenn ich auf dem Rücken lag, wurde mein Bauch ganz flach, und an beiden Seiten standen, wie die Flügel eines zerlegten Hühnchens, die Beckenknochen heraus, wollten mir die Haut zerstechen. Ich konnte meine Rippen zählen. Unter dem Brustbein war, als hätte mich ein Riese in die Brust gestupst, eine fingerbreite Vertiefung. Mein Körper Felsen und Buchten. Ich schlief gern auf dem Bauch. Zwischen den Beckenschaufeln hatten bequem meine Arme Platz, die Handflächen schmiegten sich an den Knochen des Schamhügels, die Finger versanken in der weichen Wärme. Ich tat überhaupt nichts. Den Jungen hatten sie schon längst in der Burg eingeschlossen. Leider war ich auch gefangen genommen worden. Sie hatten gesagt, wenn ich nicht tue, was sie befehlen, würden sie ihn töten. Ich tat es nicht. Da brachten sie mich in eine Zelle. Der Junge lag dort, gefoltert. Ich versuchte, ihn hochzuheben, zu pflegen oder zu trösten. Er kam zu sich und lächelte. Von den heißen Wellen und Kontraktionen wachte ich auf. Als würde die Schaukel in die Tiefe rasen, und als säße ich nicht nur auf ihr. Die Schaukel raste in mir in die Tiefe, und ich war auf der Schaukel mit der Schaukel. Davon wachte ich auf. Alle weißen Vorhänge waren grau, die Vögel brüllten schon draußen auf der dämmrigen Pappel. Ich fürchtete mich davor, dass die hundertjährigen Pappeln, die mein Urgroßvater gepflanzt hatte, eines Nachts aufs Haus stürzen könnten. Mutter kannte die Worte Orgasmus, männliches Glied, Penis, Scheide, Vagina, und eine Weile später gab sie mir ein Buch, aus dem hervorging, dass die kleinen Blumen, die kleinen Vögel, die kleinen Hunde und die kleinen Menschen nicht vom Storch gebracht wurden. Das Buch machte mir auch klar, dass die Wörter, die Mutter kannte, nichts bedeuteten, denn in diesem Buch waren die Dinge so erklärt, als wäre alles sehr einfach, verständlich und natürlich. Ich war beinahe so klug wie Mutter und Vater.

Zehn war ich und beinahe so klug wie Mutter und Vater. Ich hatte den Eindruck, meine Schwester war glücklich. Mein kleiner Bruder hingegen weinte viel. Beinahe jede Nacht wachte ich von dem erschütternden Sturzgefühl auf, als seufzte mein ganzer Körper, als würde das Seufzen meines Innersten aus mir herausgerissen, als verstärkte es sich zu einem Schrei. Mit den Fingern entdeckte ich die Spalten, die Kissen, die Hautfalten, das Fleisch, die tauartige Feuchtigkeit, die Hitze, den kleinen, weißen, mit den Fingernägeln abnehmbaren Belag, die beruhigend heimeligen Winkel. Beim Geruch meiner Finger schlief ich ein.

Ich konnte nur auf dem Bauch einschlafen. Wenn ich auf dem Rücken lag und im Dunkel die Augen schloss, konnte ich im noch tieferen Dunkel meiner Augenlider nicht entscheiden, ob meine Augen nicht doch offen geblieben waren, ob das, was ich sah, nicht die sich ins unendliche Dunkel öffnende Decke war, wo in dichten Reihen in Kisten verpackte rotblättrige Topfgeranien auf mich einstürzen wollten.

Elf war ich, und ich sah, dass meine Schwester schön war. Ich, sagten sie, sei klug, und das sei mindestens genauso gut. Die Jungen in der Schule suchten meine Gesellschaft. Mit dir kann man wenigstens reden, sagten sie, und ich pflegte ihre Seelen. Nein, wir redeten nicht. In einer Nacht träumte ich, ich sei Gyula Pocsaji und in Anikó Tóth verliebt. Darauf kam ich, als ich am Morgen im Halbschlaf versuchte, mir in Erinnerung zu rufen, was für ein Gefühl es war, in Gyula verliebt zu sein; plötzlich wurde mir klar, dass ich nur wusste, wie es war, in Anikó verliebt zu sein. Ist ja letztlich auch egal, dachte ich, Hauptsache ich weiß, wie es ist, verliebt zu sein.

Es war gut. Nein, es war nicht gut.

Zwölf war ich und schlief mich jeden Abend in wilde Liebesabenteuer. Nebel lag auf meinem Hirn, und jeder Schlager brachte mich aus der Fassung. Ging ich mit meiner Schwester zu einer Geburtstagsparty, meistens war sie es, die eingeladen wurde, aber sie nahm mich mit, lief mir der Speichel im Mund zusammen, der Magen zitterte, Erregung sprühte Funken in meinen Zellen, als hätte man mir die Haut abgezogen: jede Nervenfaser spannte sich nackt und startbereit. Etwas würde geschehen. Ich wusste es. Es sollte endlich etwas geschehen! Am Abend weinte ich, schluchzte, biss ins Kissen, knüllte mir die Decke zwischen die Beine. Meine Freundin und meine kleine Schwester hatten schon eine sichtbare Brust, und die Arbeiter pfiffen ihnen hinterher. Ich starb fast vor Neid. Ich starb fast vor Scham. Traute mich nicht, die Arbeiter anzusehen, während ich beobachtete, ob sie mich ansahen. Wie ein unvernünftiges Tier drehte ich mich nicht nach rechts und links, aber alle Wahrnehmungsorgane lauschten nach außen. Ein großes Mädchen wollte ich sein. Das wurde ich auch. Mit heruntergelassenem Schlüpfer kam ich breitbeinig von der Toilette. Mutter, hab ich die Regel?

Dreizehn war ich. Vor unserem Fenster Motorradbanden. Alle Jungen wollten zu meiner Schwester. Ich bekam meinen ersten Liebesbrief. Leider hatte mich der Junge mit meiner Schwester verwechselt. Im Badezimmer brüllte ich herum. Ich will nicht klug sein! Schön will ich sein! Aber du bist doch schön, tröstete mich Mutter, deine Schwester ist nur ein anderer Typ. Meine Schwester war der Typ, für den die sechzehnjährigen Jungen auf dem Platz Wettrennen ausrichteten. Einer stieg auf die Schaukelringe und fiel während der Vorstellung herunter. Er starb nicht sofort. Er rang noch nach Luft, während meine Schwester um Hilfe kreischte.

Immer noch dreizehn war ich, als die Mutter meiner Freundin mit ihrem Fußballer-Geliebten durchbrannte. Meine Freundin und ich lagen einander gegenüber im inneren Zimmer auf dem Bauch und unterhielten uns darüber, was der Vater meiner Freundin mit der Mutter meiner Freundin alles getan hatte. Dass er sie erniedrigt hatte. Ich erinnere mich an das Wort, aber meine Freundin sagte nicht, wie ihr Vater ihre Mutter erniedrigt hatte. Jetzt schluchzte ihr Vater den ganzen Tag draußen im kleinen Zimmer. Meine Freundin und ich sahen uns die Damenunterwäsche in der Modezeitschrift an. Im Schubfach ihrer Mutter fanden wir Lidschatten und Lippenstift und eine Flasche dunklen flüssigen Puder. Wir rieben uns mit der dunkelbraunen Creme die Gesichter ein, zeichneten die Augenbrauen mit Streichholzruß nach, zogen die Wintermäntel an und gingen auf den Platz. Vielleicht war ja Olivér mit seinen Kumpels draußen. Hoffte meine Freundin. Der Olivér war total in Ordnung, und meine Freundin war in ihn verknallt. Wir würden sagen, wir seien in Brasilien gewesen. Olivér war nicht draußen. Da gingen wir nach Hause und schrieben einen Aufsatz für Herrn Imre, unseren Lehrer. Herr Imre war total in Ordnung. Wahrscheinlich zu alt. Er musste schon dreißig sein, aber alle Mädchen waren in ihn verknallt. Der Aufsatz war voller kitschiger Liebesszenen und ihn Herrn Imre vorzulesen war viel peinlicher als ihn zu schreiben. Nach dem Schreiben waren wir sehr im Feuer, aber wir mussten abwaschen. Wir holten in einer großen Schüssel Wasser, meine Freundin wusch ab, draußen zog ein Sturm auf, es wurde plötzlich dunkel, und die Zweige schlugen im böigen Wind gegen das Fenster. Wir erzählten uns Gruselgeschichten, das Glas krachte, lauernde Gesichter zeichneten sich darauf ab, es fing an zu regnen und blitzte auch. In Bauch und Nacken fühlte ich ein Kribbeln, wenn ich dann jemanden ansehe, ist es, als wäre ich mit den Augen zu allem fähig. In ihn hineinzusehen, ihn auferstehen zu lassen, zu verzaubern. Meine Freundin kreischte auf. Hinter der Türscheibe war jemand zu sehen. Totengrau, mit erschrockenen Augen, den Koffer in der Hand. Mutter! Liebe Mami! Meine Freundin brach in Schluchzen aus. Immer noch dreizehn war ich und traf mich seltener mit meiner Freundin, denn sie war mit ihrer Mutter zu dem Typen von ihrer Mutter gezogen, zu dem tollen Fußballer, der auch meine Freundin angrapschte, weshalb sie viel weinte, sie traute sich nicht, allein zu Hause zu bleiben in Zimmer und Küche, andauernd trieb sie sich auf der Straße herum, geriet in schlechte Gesellschaft, und als sie groß war, wurde sie Polizistin. Aber in der Zeit, als sie noch klein war, fand meine Freundin ein Handtuch am Fußende im Bett von ihrer Mutter und ihrem Typen. Das Handtuch war hart. Weißt du, warum? Fragte meine Freundin. Meine Mutter wischt sich danach damit ab. Meine Freundin wusste noch vieles, aber sie gab nur mit ihren Liebesgeschichten an. In welchen tollen Typen vom Platz sie gerade verknallt war. Ich ging nicht auf den Platz, ich ging nirgends hin, nicht einmal mehr mit meiner Schwester. Die Klassenkameraden sagten zu ihr, ihre Schwester sei nicht so wie die anderen Mädchen. Ich glaubte meiner Mutter, dass einer kommen würde, dem ich gefalle, und wartete jeden Tag, dass er auftauchte. Ich verkroch mich in die Ecke und las. Lebte in meiner Phantasie. Vergaß zu sprechen. Ich wusste nicht, wie viel ein Kilo Brot kostet. Mit welchen Straßenbahnen und Bussen man auf den Felszab-Platz oder zum Ostbahnhof kam. Ich wünschte mir, zu den Jugendlichen zu gehören, denen etwas passierte. Fing an zu politisieren. Ich wurde immer anderer als die anderen Mädchen. Sogar als alle anderen. Auch meinem Vater legte ich meine systemkritischen Ansichten dar, meine Ansichten über die erlösbare Welt, meine anarchistischen Ansichten, meine antitotalitären, klassisch kommunistischen, urchristlichen Ansichten, meine emanzipatorischen und liberalen Ansichten, beziehungsweise das Ganze all dieser und anderer radikaler Ansichten, die sich in meinem erwachenden Denken zu einer kohärenten Weltanschauung formierten. Vater lächelte ermutigend. Ich steigerte mich in die Argumentation hinein. Schließlich stellte sich heraus, dass Vater, wenn er tief in Gedanken versunken war und nicht zuhörte, aussah, als lächelte er. Immer noch dreizehn war ich, und mich interessierte nicht mehr, was im nächsten Teil der Familie Onedin passierte. Zur Schulabschlussparty ging ich in Vaters zerrissenem Gärtnerhemd und löchrigen chinesischen Turnschuhen, die Löcher hatte ich mit Pflasterstreifen zugeklebt. Mutter nähte mir auf meine Bitte einen schwarzen, bodenlangen Flanellrock. Ich ließ sie auch meine liebste Bettdecke ausschneiden, grau-schwarz gestreift, mit Kreuzen in den Streifen, die zog ich mir über. Es war kalt, aber an den Füßen fror ich damals nicht, denn im Winter zuvor waren mir die Zehen erfroren, lila angeschwollen, und jetzt spürte ich nichts mehr. Vater bemerkte, ich sei so ganz anders als die anderen, aber aus seinem Mund nahm ich das als Lob, als Ermutigung. Mutter zickte herum, so könne ich nicht gehen. Ich ging. Tanzte mit dem Leithammel-Jungen, der mich die ganze Zeit an sich presste, dass ich keine Luft bekam. Er stank, war hässlich und alt, mindestens zwanzig. Ich nahm seinen Zustand nicht zur Kenntnis und begann ein Gespräch über mich. Aber ich interessierte ihn nicht.

Immer noch dreizehn war ich, als ich endlich Ihn kennenlernte. Meine Schwester gefiel ihm und seinem Cousin, aber sein Cousin war schneller und fing an, mit meiner Schwester zu gehen. Damals schrieb er ins Tagebuch, dass meine Schwester eine Schwester habe, die eigentlich ganz nett sei, nur ihr Mund sei ein bisschen komisch, in Klammern schrieb er dahinter: hässlich. Interessant, mir war noch gar nicht aufgefallen, dass mein Mund auch komisch war, ich brach in Tränen aus, aber erst eine Weile, nachdem er mir sein Tagebuch gezeigt hatte, denn als er es mir zeigte, lachte ich befreit. Du bist in Ordnung, stellte er fest, wir standen am Strand des Balatons, und das Wasser und der Sonnenuntergang waren sehr kitschig, wir hielten fest, dass das grässlich kitschig war, dass es so etwas eigentlich gar nicht gibt. Er sagte, er habe keine Lust, Blödsinn zu fragen, ob ich mit ihm gehen will und alles, weil das so nicht geht. Mir sprang beinahe das Herz aus der Brust, daraufhin ging die Sonne dunkelrot brodelnd unter, das Wasser wurde zu Gold und Silber. Er nahm meine Hand. Ein halbes Jahr später küsste er mich, denn zwischendurch trafen wir uns nicht oft, sondern dachten nur aneinander. Es war schön. Nein. Den ersten Kuss musste man hinter sich bringen. Nichts ähnelte den Nächten, den Seufzern und dem Erwachen.

Endlich wurde ich vierzehn, und wir waren schon ein Jahr zusammen, wir diskutierten ständig, meistens wegen Jesus Christus. Mein Freund war katholisch, und jeden Sonntag, wenn ich am Wochenende bei seinen Schwestern schlief, damit wir nicht mit dem Bus von einem Ende der Stadt ans andere fahren mussten, damit wir nicht beim Rendezvous im Freien erfroren, hatten unsere Eltern verabredet, dass ich bei ihnen schlafen durfte, aber an jedem dieser Sonntage mussten wir früh aufstehen und in die Messe gehen. Wegen Jesus Christus diskutierten wir oft. Wir schrieen uns im Siebener an über die Kirche, den Glauben, die Wahrheit und auch über die Liebe. Mein Freund war nicht meiner Meinung und wollte meine Gedichte nicht lesen. Ich fragte Mutter, was wäre, wenn ich mit ihm schlafen würde, mit meinem Freund. Mutter sagte, erstens: ich sei noch sehr jung dafür und auch der Junge sei erst sechzehn, zweitens: dann müsste ich verhüten, drittens: man soll nur mit demjenigen schlafen, den man heiratet und mit dem man das ganze Leben zusammenbleibt.

Als seine Eltern und Geschwister nicht zu Hause waren, fielen wir übereinander her und umarmten uns. Ich spürte, wie seine Hose anschwoll, wie er sich an meinen Bauch, an meinen Schoß stieß und presste, wie ich mich unter ihm wand. Klebrig und feucht lösten wir uns voneinander, als wir den Schlüssel im Schloss hörten. Einmal standen wir im Vorzimmer, küssten uns, Nebel- und Fieberschatten, schleierhaftes Glänzen in den Augen. Er trat zurück. Langsam knöpfte er das karierte Herrenhemd auf, das ich trug. Meine Brüste kamen zum Vorschein, und jetzt sah ich erst, wie prall sie waren, wie groß, wie schön. Als steckte all mein Verlangen in den Brüsten. Er beugte sich zu meiner rechten Brust und nahm die Warze in den Mund, so andächtig, dass mir die Knie einknickten, dann hob ich sie hoch, nahm sie und gab sie ihm in den Mund, und es war wunderbar wie die Nächte, das Seufzen und das unerwartete, wonnige Aufwachen. Immer noch vierzehn war ich, als wir am Balaton im Ferienhaus alleinblieben. Wir hatten vereinbart, dass es jetzt geschehen sollte. Ich zögerte noch ein wenig, aber er wollte nicht mehr länger warten, er würde mich sowieso heiraten, denn wir gehörten einander für ewig. Liebe ich ihn? Fragte ich mich. Ich liebe ihn! Antwortete ich mir. Wir legten uns aufeinander. Er kam nicht rein. Es tat weh, wir gingen in die Küche, um mir etwas zu trinken zu suchen. Wir fanden Backrum. Ich kotzte beinahe davon. Um den Alkohol in meinen Organismus zu bekommen, tauchte ich Würfelzucker darin ein und steckte mir eine Handvoll davon in den Mund. Wir mussten uns beeilen, denn die Eltern konnten jederzeit zurückkommen. Wir gingen zurück. Ich wollte unbedingt, dass er reinkam. Zwei-dreimal bewegte er sich in mir. Es tat weh. Er lag auf mir, dann nahm er eine Postinor heraus. Von der Postinor musste ich ein bisschen würgen. Als die Eltern kamen, saßen wir auf der Terrasse. Genauer gesagt, ich kniete vor ihm auf dem Boden und hatte den Kopf in seinen Schoß gelegt. Seine Hand lag auf meinem Kopf. Das ist das Glück, dachte ich bei mir.

Es war gut.

Aber das macht nichts.

Er und andere erklärten mir später, dass ich vielleicht zu viel erwartete, und das sei das Problem.

Nachts wache ich oft davon auf, dass, dabei liegen meine Hände unter dem Kopf, in mir die Schaukel hinabrast, und ich auf der Schaukel hinabrase: wie die Freude einen herausbrechenden Seufzer loslässt, zusammenzucken lässt, weine ich, lache ich.