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Mit diesem Zitat beginnt Medves Manuskript, das ich kurz nach seinem Tod erhalten habe. Non est volentis, neque currentis, sed miserentis Dei. Das war die Inschrift eines alten Hauses in jener kleinen Stadt an der Grenze, wo ich im Herbst 1923, zusammen mit sieben anderen, in den zweiten Jahrgang der Militärunterrealschule aufgenommen worden war. Es war, wenn ich mich recht erinnere, der 3. September.

Am Vormittag hatte man uns einer improvisierten Aufnahmeprüfung unterzogen, danach verabschiedeten wir uns in der Allee vor dem Haupteingang von unseren Eltern oder Begleitern, nahmen auf der Kleiderkammer die Uniformen in Empfang, ein Barbier in Zivil schor uns die braunen und blonden Köpfe kahl, und ab Nachmittag lungerten wir, uns selbst überlassen, in einem der großen Schlafsäle des zweiten Stocks herum. Draußen schien die Sonne. Das riesige Gebäude war noch vom Widerhall seiner Leere erfüllt. Von manchen Fenstern des Schlafsaales aus, dort, wo das Laub der Kastanienbäume den Blick nicht versperrte, konnten wir auf den größeren der beiden Exerzierplätze hinabsehen. Dort spielten einige sitzengebliebene, zur Nachprüfung eingerückte Zöglinge und einige vom vierten Jahrgang Fußball. Von etwas weiter her, aus einer der Seitenalleen, kamen die falschen, stockenden Töne einer Trompete.

Herz und Hand fürs Vaterland

Fürs Va-ter-land

blies der Trompeter zwar mit wenig Talent, doch mit übermenschlicher Geduld und offenbar im Aufundabgehen, denn das Geschmetter seines Instrumentes kam bald auf uns zu, bald aber entfernte es sich wieder, um schließlich ganz zu ersterben. In die tiefe Stille, die daraufhin einsetzte, platzte plötzlich das Klirren der heftig aufgestoßenen Glastür und der mit schriller Stimme, fast brüllend ausgestoßene, unverständliche Ruf: »Heinatter!«

Die temperamentvolle und ziemlich sonderbare Erscheinung war ein kleiner Bub in Drillichuniform und blauer Mütze.  Ohne auf eine Antwort zu warten, und bereits in schnaubender Ungeduld, brüllte er uns auch ein zweites Mal an.

»Heinatter!«

Alle wandten wir uns ihm zu. Da erst merkte ich, daß er irgendeinen Augenfehler hatte. Das eine Auge war entzündet oder trüb, oder vielleicht hatte er nur zwei ungleiche Augen, ich weiß es nicht recht, jedenfalls stimmte etwas nicht ganz mit seinen Augen. So außer sich er aber auch daherschrie, seine Haltung war vollkommen gefaßt. »Heinatter!« schrie er zum dritten Mal, während er uns der Reihe nach ansah. »Nicht da? Oder taub?« Einer von uns, der bereits auf ihn zuging, erwiderte mit ruhiger Stimme: »Ich bin’s. Aber ich heiße nicht Heinatter, sondern Eynatten. Ja, bitte?« »Halt’s Maul!« knurrte der Trübäugige im Drillich. Dann gab er eine Weile nichts mehr von sich. Er schwieg demonstrativ und wandte den Kopf angewidert ab.

»Gehen Sie runter in den Musiksaal«, sagte er schließlich.

»Ihr Vater wartet auf Sie.«

»Danke«, sagte der andere zögernd und setzte sich in Bewegung. »Hier gibt’s kein ›danke‹«, rief ihm der Trübäugige wütend nach. »Verstanden? Weder ›bitte‹ noch ›danke‹. Halt! Kehrt!« Der, der Eynatten hieß, drehte sich um.

»Habt acht!« herrschte der andere ihn an. »Ich bin vom vierten Jahrgang!«

Eynatten lächelte verlegen und wußte nicht, was er tun sollte.

»Und Sie haben nur zu reden, wenn Sie gefragt werden, verstanden?« – Der Viertkläßler in Drillichuniform maß uns Neulinge abermals von oben bis unten. – »Sie haben mit ›Zu Befehl!‹ oder ›Jawohl!‹ zu antworten. Verstanden? Äh …«, meinte er dann geringschätzig und winkte ab.

»Scheren Sie sich zum Teufel.« Man sah: Er konnte sich beherrschen. Da der andere sich nur zögernd wieder in Marsch setzte, rief er ihm nach: »Laufschritt!« Eynatten beschleunigte seine Schritte, ohne sich umzudrehen. Wir übrigen hatten der Szene bis dahin stumm zugeschaut, jetzt aber regte sich einer von uns. Er tat einige Schritte auf den Trübäugigen zu. Seine Stimme klang, als er zu sprechen begann, sehr nervös. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit braunen Augen.

»Was hast du denn hier zu befehlen?«

Der Viertkläßler drehte sich jäh und bestürzt um.

»Du hast mit ihm wohl nur Spaß gemacht?«

Der Trübäugige erblaßte sichtlich. Langsam und viel leiser hob er wieder an.

»Paßt Ihnen was nicht?« fragte er, fuhr dann aber mit plötzlich hart gewordener Stimme fort: »Wie heißen Sie?«

»Du brauchst nicht gleich so dick anzugeben«, wich der braunäugige Neuling aus.

»Ihr Name?« Der Junge trat unwillkürlich zurück, als habe er den

Mut verloren, und gab keine Antwort.

»Wie ist Ihr Name? Trauen Sie sich nicht, ihn zu nennen?«

»Gábor Medve«, stieß der andere in nervöser Wut hervor. Der Viertkläßler verzog den Mund zu einem hämischen Grinsen. Eine Weile musterte er wortlos den Neuling, dann lachte er kurz auf und knurrte ihm etwas zu. »Na! Schon!« oder so etwas Ähnliches.

Gábor Medve tat nun wieder einige Schritte auf ihn zu und erkundigte sich, vielleicht nur, weil er sich seines übereilten Rückzugs von vorhin schämte, mit frecher Stimme: »Und du? Wie heißt du denn?« Das eben noch bleiche Gesicht des Viertkläßlers färbte sich dunkelrot. Und er fing wieder an zu brüllen, doch diesmal in einem völlig anderen Ton, woraus zu entnehmen war, daß er bis dahin wohl noch Nachsicht mit uns geübt und nur gescherzt hatte. »Jetzt reicht’s aber! Halt die Schnauze, oder ich zeig’s dir und dem ganzen dreckigen Neulingspack! Zum Kruziherrgott deiner Hure von Mutter!«

Wir alle erstarrten vor Schreck. Vielleicht war es nicht einmal der ungewöhnlich rohe Fluch, der uns den Atem verschlug sondern vielmehr die Tatsache, daß der Trübäugige selbst während eines solchen Wutanfalls seine drohende Ruhe bewahrte. Auf seine Worte folgte betretene Stille. Überdeutlich vernahm man von unten her den rhythmischen Aufschlag des Fußballs und von der Allee her das unermüdliche Trompetengeschnatter: ramm-tararamm-tata pamm-papa-pamm fürs Va-ter-land. Dieses gelähmte, bestürzte Schweigen brach unerwartet ein anderer aus unserer Gruppe. Es war ein furchtsam scheinender Bub mit mädchenhaften Zügen; ein wenig steif trat er vor den Viertkläßler hin und sagte mit ruhigem Ernst: »Du sollst den Namen deines Gottes nicht mißbrauchen.«

Der Trübäugige starrte ihm verblüfft ins Gesicht. Jetzt verlor er sogar seine Ruhe und fing zu stottern an. Wir verstanden nur so viel, daß er auf uns – irgendwelche Neulinge – fluchte, dann machte er völlig unerwartet kehrt und galoppierte aus dem Saal.

Jemand lachte laut auf. Ich wandte mich an den neben mir Stehenden und fragte ihn ein wenig beunruhigt: »Was hat der von uns gewollt?« Doch der andere zuckte nur ohne jede Freundlichkeit die Achseln – er hatte weiche Gesichtszüge, einen weichlichen Körper und abstehende Ohren; der Mund war ihm vor Schreck offengeblieben – und nachdem er sich von der ersten Erschütterung erholt hatte, zog er seinen Koffer unter dem Bett hervor, entnahm ihm eine Pappschachtel und dieser wiederum eine der darin befindlichen Linzerschnitten, aß sie auf und räumte alles wieder an seinen Platz zurück: die Schachtel in den Koffer, den Koffer unter das Bett, und ließ sich beruhigt auf den Bettrand nieder. Gábor Medve stand allein, auf das Fensterbrett gestützt, am Fenster.

Ein anderer unserer Kameraden, ein Junge mit buschigen, schwarzen Augenbrauen und breitem Mund, lief an die Glastür und sah dem Viertkläßler neugierig nach. Dann trat er mit einem höflichen Lächeln zu dem Neuling mit dem Mädchengesicht. »Wie heißt du?«

»Tibor Tóth«, antwortete das Mädchengesicht, ohne das Lächeln des anderen zu erwidern. Seine Augen erinnerten an zwei aufgesprungene Mandeln; unter seinen langen Wimpern blickte er den mit dem breiten Mund kühl und reserviert an.

»Dem hast du’s gegeben!« fuhr dieser mit unerschütterlicher Freundlichkeit fort.

»Wem?«

»Diesem Idioten da, der hier herumgeflucht hat.«

Tibor Tóths Gesicht spiegelte Verwunderung.

»Warum sollte er ein Idiot sein?«

»Ist er vielleicht keiner?«

»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, gab der mädchenhafte Tibor Tóth zurück.

Ich drehte mich nach ihm um, auch mein Nachbar sah hin, selbst Gábor Medve wandte sich vom Fenster ab.

»Wie? Was?« Tibor Tóth wiederholte seine Worte ein wenig trotzig, doch ohne Feindseligkeit. Es lag zwar ein frecher Zug in seinem hübschen Mädchengesicht, doch man sah ihm an, daß es ihm ernst damit war. Darauf wußte auch der Bub mit den buschigen Brauen nichts zu erwidern. Verlegen trat er von einem Fuß auf den andern, bis endlich – zu seiner Rettung – unser Mitprüfling mit dem Zigeunerhaarwuchs, der bei der Aufnahmeprüfung so flüssige und intelligente Antworten gegeben hatte, aus dem Waschraum zurückkam.

Er sah, daß etwas geschehen war, und trat, Handtuch und Seife in der Hand, schnurstracks auf ihn zu.

»Was ist los?« fragte er und sah Tibor Tóth an.

Die Antwort jedoch gab der andere.

»Warst du dabei?«

»Nein. Ich hab mich grad gewaschen«, sagte er. Dann tat er, was keinem von uns bis jetzt eingefallen war: Er gab ihm die Hand und stellte sich vor: »Pál Czakó.«

»Attila Formes«, sagte der Junge mit den buschigen Brauen.

Schon am Vormittag hatten wir die Namen unserer Mitprüflinge gehört, doch da waren wir noch zu beklommen gewesen, um für solche Dinge ein Ohr zu haben. Dennoch kam mir der Name jetzt bekannt vor. Czakó warf seine Toilettensachen auf das Bett und stellte sich, halb nackt wie er war, uns allen der Reihe nach vor. Als er zu meinem Nachbarn trat, erhob sich der dickliche, sommersprossige Junge – inzwischen hatte er nämlich wieder einmal seinen Koffer unter dem Bett hervorgeholt, ihm die Pappschachtel mit den Linzerschnitten entnommen, ein Stück Gebäck vertilgt und alles wieder weggeräumt: die Schachtel in den Koffer, den Koffer unter das Bett, und als Czakó zu ihm trat, bückte er sich gerade, um sicherheitshalber noch einmal nachzusehen, ob sein Koffer richtig verschlossenwar. Er erhob sich also.

»Mein Name ist Elemér Orbán«, erklärte er sachlich.

Er war nicht dick, nur weich. An seinem Nacken lugten die beiden Enden jenes gestärkten Leinenstreifens, den Unteroffizier Bognár »Kragenschoner« nannte, aus dem hohen Kragen des Soldatenrocks hervor.

Wir Neulinge bekamen nämlich nicht leinene Sommeruniformen, sondern ›Waffenröcke‹ aus schwarzem Tuch mit gelben Kupferknöpfen und schwarze Tuchhosen – selbstverständlich lange, wie wir sie noch nie getragen hatten. Dabei war der Herbst sonnig und warm, eigentlich war es erst Nachsommer, aber hier in den Bergen war der Himmel schon ein wenig herbstlich. Diesen Himmel betrachtete vom Fenster aus Gábor Medve. So zumindest schildert es, in der dritten Person Einzahl, sein Manuskript, das er mir vierunddreißig Jahre später aushändigen ließ.